Fallstudien Großbritannien 2. FALLSTUDIE: GROSSBRITANNIEN ÖFFENTLICHER PERSONENNAHVERKEHR (ÖPNV) 2.1. Hintergrundinformation – Privatisierung des ÖPNV in Großbritannien 1980 wurden in Großbritannien 98% aller lokalen Busreisen auf Buslinien in öffentli- chem Eigentum getätigt, Ende der 1990er Jahre wurden 97% aller lokalen Busreisen von privaten Firmen übernommen. Der Sektor öffentlicher Personennahverkehr, der mit Ausnahme Londons hauptsächlich auf Bussen beruhte, galt Anfang der 80er Jahre als hochgradig reguliert (Bayliss 1999). Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) war in den 30ern und 40er Jahren verstaatlicht worden, wobei sich ein Teil der Unternehmen traditionell in Besitz der Kommunen befunden hatte. Obwohl der vorwiegend auf Bussen beruhende ÖPNV zwar bis Anfang der 70er Jahre als mehr oder weniger profitabel galt, setzte schon in den 50er Jahren ein kaum zu stoppender Rückgang der Passagierzahlen bei gleichzeitig steigenden Kosten ein. Der Rückgang der Passagier- zahlen wird unter anderem auf die Zunahme des Autoverkehrs zurückgeführt. Seine endgültige Struktur erhielt der britische ÖPNV Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre. Keith Forrester (1993) teilt die Struktur des Sektors Ende der 70er in folgende Gruppen ein: Erstens nennt er den ‚nationalisierten Sektor’, der aus der National Bus Company (NBC) und der Scottish Bus Group, die erst 1969 geschaffen worden waren, besteht. Nach einigen Aufkäufen bestand die NBC Ende der 70er aus 37 relativ eigenständigen Subunternehmen. Diese Unternehmen übernahmen v.a. den zwischenstädtischen und ländlichen Personentransport. Als zweite Gruppe nennt Forrester die London Transport Executive (LTE), die Passenger Transport Executives (PTEs) und die gemeindeeigenen Betriebe. Die LTE stellte das größte Teilunternehmen im ÖPNV Großbritanniens dar, das aber im Zuge der Konflikte der konservativen Regierung der 80er Jahre mit den Labour-geführten Stadtverwaltungen zur London Regional Transport (LRT, später LT) umbenannt, der Stadtverwaltung entzogen und direkt dem Verkehrsminister unterstellt wurde. Der ÖPNV mit Bussen wurde in London in weiterer Folge in 13 Subunterneh- men geteilt. Mitte der 90er wurde durch Ausschreibungen der Buslinien ein be- schränkter Wettbewerb in London zugelassen und unter Koordinierung durch die Stadt vergeben. Die Hälfte der Unternehmen ging an Tochtergesellschaften von LT, die andere Hälfte an private BetreiberInnen. LT kontrolliert das Busnetz durch die Fest- legung von Fahrpreisen und Leistungen. Die privaten Unternehmen tragen kein wesent- liches wirtschaftliches Risiko, da sie von der Stadt für erbrachte Leistungen bezahlt werden (ÖGPP 2002). Die PTEs hatten nach der Reorganisation Ende der 60er Jahre den ÖPNV in den städtischen Ballungsräumen (Metropolitan Areas) übernommen. In 51 kleinen und mittleren Gemeinden wurde der ÖPNV durch gemeindeeigene Betriebe organisiert. 143