Jetzt auch Online: www.wirtschaftundumwelt.at 3/200424 • Wirtschaft & Umwelt werbstätigen aus. So gehören zu den häufig- sten Invaliditätsursachen psychische Erkran- kungen und Erkrankungen am Bewegungs- apparat (Skelett, Muskeln, Bindegewebe). Ein besonderes Problem im Tourismus stellen die sogenannten Saisoniers dar. Der rechtliche Status von Saisoniers, also jener ausländischen Beschäftigten, die über ein bestimmtes jährliches Kontingent in Öster- reich vor allem in der Landwirtschaft und im Tourismus einen Arbeitsplatz finden, führt aufgrund seiner wesentlichen Unterschiede gegenüber anderen in- und ausländischen Beschäftigten zu massiven Problemen für die Betroffenen. So ist die Mitnahme von Fa- milienangehörigen nicht zulässig, genauso wenig wie der Wechsel des Arbeitsplatzes. Die Auflösung des Arbeitsverhältnisses führt im allgemeinen auch zur Beendigung des Aufenthaltrechts. Die Beschäftigung ist auf die Dauer der zulässigen Einsatzperiode be- fristet. Für die Beschäftigten ist damit die Abhängigkeit vom Dienstgeber enorm. Die Praxis zeigt, dass berechtigte Ansprüche der Saisoniers, insbesondere bezüglich der Be- zahlung, häufig nicht eingeklagt werden. Natürlich wünschen sich die Arbeitgeber im- mer mehr Saisoniers und suchen nach Mög- lichkeiten, die Kontingentplätze zu erwei- tern – was ihnen derzeit auch gut gelingt. Diese Arbeitsform bringt allerdings so- wohl die Saisoniers als auch alle anderen Be- schäftigten unter Druck. Billige Arbeitskräf- te konkurrieren hier mit anderen Beschäftig- ten, ungünstige Wirtschaftsstrukturen wer- den verfestigt, die Integration von Migran- tInnen in den Arbeitsmarkt wird nicht wirk- lich gefördert. Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Tourismusbranche ist eine wichtige Stütze der österreichischen Wirtschaft. Gleichzei- tig zeichnet sie sich durch eine schwierige und teilweise problematische Arbeitssitua- tion aus. Notwendig wäre jedenfalls eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, der Gesundheitsprävention am Arbeitsplatz und vor allem auch der beruflichen Qualifi- zierung und Weiterbildung. Zu diesem Zweck könnten regionale Branchenpools gebildet werden, die gerade auch für die vielen in Kleinbetrieben Beschäftigten den Zugang zu Weiterbildung ermöglichen. Wichtig wäre auch die Entwicklung von Ganzjahresbeschäftigungsmodellen, um die Nachteile des Saisonmusters in der Be- schäftigung abzufedern. Was das Saisonier- modell betrifft, so muss die Zielrichtung je- denfalls eine Integration von ausländischen Beschäftigten sein. Eine Zwei-Klassenge- sellschaft bei der Beschäftigung darf es in keiner Branche geben.  URLAUBSSKLAVEN? Nachhaltigkeit hat im Tourismus, wenn es um die Ökologie geht, Eingang gefunden und lässt auch wirt- schaftlich die Kassen klingeln. Doch wie steht es um die Sozialverträglichkeit, um die Beschäftigten in die- ser Branche? Darüber sprach Wilfried Leisch mit dem Vorsitzenden der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst (HGPD), Rudolf Kaske. Arbeiten im Tourismus ist kein Honiglecken. Wie schaut es mit der Be- zahlung aus? Kaske: Die Beschäftigten im Tourismus verdienen ein Drittel weniger als der Durchschnittsöster- reicher, das sind brutto nur ca. 1.200 Euro im Mo- nat statt knapp 1.900 Eu- ro. Das führt unter ande- rem zu einer sehr hohen Fluktuation: So werden 98 Prozent aller Be- schäftigungsverhältnisse im Tourismus innerhalb eines Jahres begründet oder beendet, und vier von fünf MitarbeiterIn- nen, also 80 Prozent, scheiden spätestens nach zehn Jahren aus der Branche aus. Das ist ein Alarmzeichen. Auch die Arbeitsbedin- gungen lassen oft zu wünschen übrig. Was sind die Hauptkri- tikpunkte der Gewerk- schaft? Kaske: Es sind vor allem drei Bereiche, in denen es große Unzufriedenheit gibt: Arbeitsklima, Be- zahlung und Arbeitszeit. Der Arbeitsstress führt nicht selten zu einem für die Beschäftigten schwer zu ertragenden Umgangston im Betrieb. Es wird viel gefordert, der Lohn steht in keiner Relation zum Einsatz. Tourismus findet an 365 Tagen im Jahr, fast rund um die Uhr, statt. Neben der Länge stört die Be- schäftigten vor allem die Nichtkalkulierbarkeit der Arbeitszeit. Man geht morgens hinein und weiß nicht, wann man abends wieder heraus kommt. Wegen mangelnder oder fehlerhafter Dienstpläne und Arbeitszeitaufzeich- nungen muss oft ums Geld für bereits erbrach- te Leistungen gestritten werden. Was kann im Sinne der sozialen Nachhaltigkeit die Lage der Beschäftig- ten im Tourismus ver- bessern? Kaske: Es gibt so viele Gütesiegel, aber kein So- zialgütesiegel! Ich glau- be, dass so ein Zertifikat für alle von Vorteil wäre. Es bietet Orientierung für Beschäftigte und Gast. Die MitarbeiterIn- nen sehen auf einem Blick: ja, in diesem Be- trieb stimmen die Rah- men- und Arbeitsbedin- gungen. Für den Gast wiederum – selbst zum Großteil ArbeitnehmerIn- nen – ist sichtbar: in die- sem Betrieb wird nicht nur auf Umwelt, Hygiene oder Qualität des Touris- musangebots Wert ge- legt, sondern auch auf die soziale Qualität. Welche Maßnahmen müssten dazu gesetzt werden? Kaske: Ich habe dazu schon früher die Einrich- tung eines Tourismusbei- rates vorgeschlagen. Darin sollten die Sozial- partner, das Ministerium, die Konsumenten, etc. vertreten sein. Zuerst müssen in den Betrieben die gesetzlichen Aufla- gen erfüllt werden, nach- vollziehbar etwa durch Prüfungen des Arbeitsin- spektorates. Dann stellt der Betrieb einen Antrag auf das Sozialgütesiegel. Schließlich prüft der Bei- rat nach Qualitätskriteri- en und vergibt bei Vorlie- gen der Voraussetzun- gen das Gütesiegel. Doch im zuständigen Mi- nisterium ist diese Sache bisher nie über das Dis- kussionsstadium hinaus gekommen. Gibt es bereits positive Beispiele? Kaske: Es gibt genügend positive Einzelbeispiele, jeder kocht aber sein Süppchen für sich. Wir wollen, dass man die Best-Practice-Modelle regional wie national er- weitert und für die ganze Branche umsetzt, sowie durch Verbundmaßnah- men ergänzt. Etwa durch Schaffung branchenüber- greifender Karriere- und MitarbeiterInnenpools, um den MitarbeiterInnen Um- und Aufstiegschan- cen zu geben. Alle reden von Österreich als Land des Qualitätstourismus. Richtig. Das muss aber auch für die Mitarbeite- rInnen gelten: beim Ar- beitsklima, bei der Ar- beitszeit und bei der Be- zahlung. Sonst gibt es für den Qualitätstourismus keine Zukunft. SCHWERPUNKT www.wirtschaftundumwelt.at