www.wirtschaftundumwelt.at  Betrieb 3/200426 • Wirtschaft & Umwelt neuen Sprachcode einlesen, wie bei Woh- nungsannoncen, wo „verkehrsgünstiger Singlehit“ eigentlich heißt: Wohnclo an Durchzugsstraßenkreuzung ohne sonstige Wohltaten. Wenn etwa empfohlen wird, „in Zukunft eine integrierte Darstellung der Nachhaltigkeitsaspekte in der operationa- len Umsetzung unter Berücksichtigung der Anspruchsgruppen und etwaiger Interes- senkonflikte“ vorzunehmen, dann muss ich mir das wohl so übersetzen: Anspruchs- gruppen, zum Beispiel Anrainer, NGOs, In- titutionen öffentlichen Interesses, Arbeit- nehmerInnen usw., wurden ausgeklammert, Interessenkonflikte ebenso, und die drei Säulen der Nachhaltigkeit wurden wie drei Säulenheilige dargestellt: getrennt, ohne Probleme und ohne mit dem betrieblichen Handeln in Bezug gesetzt zu sein. A ber wo sind die Probleme geblieben, zu deren Lösung die heilige Dreisäulenei- nigkeit im internationalen Konzert er- sonnen wurde? Immerhin geht es um be- trächtliche ökologische und gesellschaftli- che Problemstellungen, welche die Auslöser für die angekündigte und längst fällige er- höhte Eigenverantwortung der Unterneh- men waren, und deren Niederschlag in Lei- stungen des Unternehmens nach außen hin auch kommuniziert werden sollte, von we- gen Transparenz und so. Aber je stromlini- enförmiger ein Bericht, desto weniger kann man sich vorstellen, welche Probleme ei- gentlich da sind, und wie sie in Angriff ge- nommen werden. Welche Aussagekraft soll- ten solche Berichte haben? Bei zu viel Glät- te besteht die Gefahr, dass sie je nach Gelas- senheit der geneigten Leserschaft gelang- weilt als Werbematerial zur Seite gelegt wer- den, oder dass sie veritablen Ärger er- wecken, weil man sich auf den Arm genom- men fühlt. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Zum Beispiel die Firma M-real in Hallein. Eine Papierfabrik mit branchenüblich bewegter Umweltproblemgeschichte. „Dicke Luft in Hallein?“ ist einer der Titel in der Umwelt- erklärung der M-real, die den Bericht wirk- lich hervorstechen lassen aus der Flut von Schön-Wetter-Erklärungen. „Umstritten war der Titel schon“, versichert Robert Ramsau- er, der Umweltbeauftragte von M-real, „aber der Mut hat sich gelohnt“. „Kleine Panne, große Wirkung: Schwefel- dioxid trat aus“, ist ein weiterer Überra- schungstitel in der Umwelterklärung, der mich neugierig macht, die Erklärung genau zu lesen. Hier wird eine Panne mit fühlbarer Auswirkung auf die Luftgüte dargestellt, wie es dazu kam, was passiert ist und wie darauf ie Welt ist um eine Literatursparte reicher: es wimmelt neuerdings nur so von Nachhaltigkeitsberichten, Cor- porate Social Responsibility Reports, Umweltberichten, Sustainability Reports und so weiter. Außen matter Um- schlag – damit es nicht gleich nach Hochglanzbroschü- re aussieht, innen dann meist doch recht luxuriös: tolles Layout, teure Fotos, viele Tabellen, erstklassiges Papier. Aber zu dick zum Abheften, unhandlich eigentlich. Sieht nach viel Arbeit aus, und nach viel Geld. „Su- stainable solutions. For a better life“ steht da zum Bei- spiel unter einem schön fotografierten Sonnenunter- gang. Das Auge wird auch reichlich bedient. Sympathi- sche Menschen aller Nationen stehen lächelnd irgend- wo in der Gegend herum und reichen einander die Hän- de. Glückliche Kinder, herrliche Auen, ästhetische In- dustriefotografie. „Dear Stakeholder“, werde ich da unvermittelt ange- sprochen, ein „Living Office“ bietet sich zur Beratung an, „a brighter future“ versprechen einem süße ostasia- tische Kinderaugen. Beim Herumblättern wächst mein Unbehagen. Die Fotos und die Aufmachung lenken mich ab vom Text. Die vielen flotten Sprüche zwi- schendurch ebenso. Wer soll da eigentlich angesprochen werden? Ich als lesende Betroffene offenbar nicht. Ganz hinten finde ich dann neben den Werbe- oder sonstwie mithelfenden Agenturen hin und wieder im Kleinstdruck ein „Testat des Gutachters“ oder so etwas ähnliches, mit „Empfehlungen“ für die weitere Ent- wicklung. Aha, da muss man sich auch erst in einen DR. CORNELIA MITTENDORFER ist Ju- ristin und Mitarbeiterin in der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien.  U M W E L T E R K L Ä R U N G E N Kommunikation ist keine leichte Sache. Selbst Umwelterklärun- gen nach der EMAS-Verordnung haben oft nur eine bescheidene Aussagekraft. Obwohl die EU-Verordnung Vorgaben macht und beschreibt, worauf es ankommt. Vielleicht ist der Mangel an Kon- kretheit, Courage und Offenheit ein Grund dafür, dass Umwelter- klärungen bisher nicht zum Renner geworden sind. Noch finste- rer sieht es bei Nachhaltigkeitsberichten aus, obwohl diese meist in noch hellerem Licht daher kommen: Hausverstand und ein Blick für die Menschen, die es angeht, dürfte hilfreich beim Erstellen von Umweltberichten sein.  VON CORNELIA MITTENDORFER ZU SCHÖN, UM WAHR ZU SEIN? D