SCHWERPUNKT ESSEN www.wirtschaftundumwelt.atSEITE 18 WIRTSCHAFT & UMWELT 3/2009 F O T O S : S C H U H (4 ) BEZEICHNEND?  Die KonsumentInnen wurden wieder einmal hart auf die Probe gestellt: Aufgrund von Medienberichten waren im Sommer „Kunstkäse“ oder „Schummelschinken“ in aller Munde. Gesundheitsschädigend sind diese Erzeugnis- se nicht – aber allzu oft werden den VerbraucherInnen Produkte vorgegaukelt, die nicht dem entsprechen, was sie laut Werbung bzw. Abbildungen an Erwartungen vermitteln. Die Arbeiterkammer fordert schon seit Jahren eine klarere Kennzeichnung, um vor Täuschung mehr geschützt zu sein. Ab Herbst geht auf EU-Ebene die intensive Dis- kussion zur Novellierung der Kennzeichnungsvorschrift und Nährwertkennzeichnung weiter. VON IRIS STRUTZMANN* n den letztenMonaten gab es wieder vie- le Diskussionen über irreführende Le- bensmittel. Angefangen hat es mit den als „Kunstkäse“, „Analogkäse“ oder „Käse-Imitat“ bezeichneten Produkten. Da- bei handelt es sich umErzeugnisse, die dem Aussehen nach Käse ähneln, aber eben kein Käse sind. Diese teilweise pflanzlichen Pro- dukte wurden von den Herstellern selbst auch nicht als Käse bezeichnet. Denn als Käse darf nach EU-Recht nur bezeichnet werden, was ausschließlich aus Milch her- gestellt wurde. Wird ein Milchbestandteil ganz oder teilweise ersetzt, zum Beispiel Milchfett durch Pflanzenfett, darf die Be- zeichnung Käse auch in Wortbestandteilen nicht mehr verwendet werden. Das Grundprodukt von „Kunstkäse“ sind pflanzliche Fette, z. B. aus Palmöl, er- gänzt mit Milcheiweiß, Salz und Emulgato- ren, Aroma- und Farbstoffen sowie Ge- schmacksverstärker. Der Vorteil für die In- dustrie bei diesem Produkt gegenüber Käse aus Milch ist das bessere Schmelzverhalten sowie eine höhere Hitzebeständigkeit. Die- ses „Imitat“ enthält kein tierisches Fett und weniger Cholesterin. Teilweise werden die- se Produkte aber auch mit echtem Käse ge- mischt wie etwa bei Pizza, Lasagne oder an- derem Fast Food. Das Produkt an sich ist ernährungsphysiologisch betrachtet grund- sätzlich nicht schlecht. Wenn wir uns das Ausgangsmaterial für „Kunstkäse“ von der Umweltseite her ansehen, ist das Produkt allerdings bedenklich. Denn oft ist es Pal- möl aus Plantagen, wofür wiederumRegen- wald geschlägert werden musste. Schlecht ist auch, dass es für die KonsumentInnen nicht klar ersichtlich ist, wann es sich um „Kunstkäse“ handelt. SCHUMMELN ERLAUBT Ähnlich verhält es sich beim „Schum- melschinken“ oder „Schinkenimitat“. In Österreich sind Fleischwaren, die statt Schinken konsumiert werden, seit Jahren unter Bezeichnungen wie „Toastblock“ oder „Pressschinken“auf dem Markt und unterscheiden sich durch den höherenWas- sergehalt. Als Schinken bezeichnet werden dürfen sie nicht. In der Gastronomie oder beim Bäcker sind diese Produkte sehr be- liebt, da sie die Waren saftiger machen – eben wegen des höheren Wassergehaltes. In Deutschland werden für diese Zwecke sogar noch wasserreichere Produkte hergestellt, die nicht einmalmehr als codifi- zierte Fleischwaren durchgehen. Die Krux dabei: in der Gastronomie bzw. beim Bäcker werden solche Produkte – auch wenn sie grundsätzlich verkehrsfähigwären – regelmäßig einfach falsch gekennzeich- net. Eine Zutatenliste ist bei solch offener Ware derzeit leider auch noch nicht vorge- schrieben. Hier kann nur verstärkte Kon- * DI Iris Strutzmann ist Agrarexpertin und Mitarbeiterin der Abtei- lung Wirtschaftspolitik in der AK Wien. Z U SAMMEN FA S S UNG : Werbung und Realität passen bei der Lebens- mittelkennzeichnung oft nicht zusammen. Das meiste davon läuft zwar im rechtlichen Rahmen ab, die Diskussionen der letzten Wo- chen zeigen aber, wie dringend notwendig kla- re Kennzeichnungsvorschriften sind. Informa- tionenüberwesentlicheAspektezumProdukt müssen zwingend in gleicher Deutlichkeit auf der Hauptschauseite eines Produktes zu fin- den sein wie Phantasiebezeichnungen oder sonstige werbliche Botschaften – nur so kann der Täuschung der KonsumentInnen wir- kungsvoll begegnet werden. I Foodwatch Die deutsche NGO „foodwatch“ entlarvt verbrau- cherfeindliche Praktiken der Lebensmittelindus- trie und kämpft für das Recht der KonsumentIn- nen auf sicheres und gutes Essen. www.foodwatch.de Terra Madre Hochwertige Lebensmittel herzhaft genießen, Arten- vielfalt erhalten und Lebensgrundlagen schützen, bei der „Terra Madre Austria 2009“ imWiener Rathaus am 28. und 29. Oktober. www.terramadre.at