aufgrund ihrer geografischen und klimati- schen Bedingungen die eigenständige Ver- sorgung nicht garantieren können. NEUE ORDNUNG Eine zukunftsfähige Welthandelsord- nung, in deren Zentrum die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln, Preisstabi- lität für KonsumentInnen und ProduzentIn- nen und auch die langfristige Erhaltung der Naturressourcen steht, braucht auch ausrei- chend öffentliche Getreidelager um allfälli- gen Ernteausfällen bzw. auch -überschüssen zu begegnen. Dadurch können u.a. Preis- schwankungen minimiert und die Versor- gung der Bevölkerung in Regionen, welche durch saisonale Ernteausfälle zu wenig an Lebensmitteln haben, sichergestellt werden. In dieser neuen Ordnung sind auch Patente auf Pflanzen und Tiere verboten. Stattdessen gibt es eine globale öffentliche Saatgut- und Gendatenbank,mit demZiel, die vorhandene Biodiversität zu erhalten und zu vergrößern. Und es gibt auch verbindlicheRegeln, die die Markt- und politischeMacht einiger weniger transnationaler Unternehmen, die heute große Teile des globalenAgrar- und Lebens- mittelsystems inklusive des Agrarhandels kontrollieren, einschränken. Der in den 1980er Jahren entwickelte Code über restrik- tive Unternehmenspraktiken der Welthan- dels- und Entwicklungskonferenz (UNC- TAD) könnte ein Ausgangspunkt für solche globaleWettbewerbsregeln sein. COMEBACK DER SORTENVIELFALT Was würden diese Veränderungen für uns im globalen Norden bedeuten? Ein Großteil dessen,waswir essen,wird in derEUerzeugt werden. Wir werden weniger Fleisch, Fisch und tropische Früchte essen. Das jahreszeit- lose Angebot von Gemüse und Obst (z.B. Spargel imWinter) in unseren Supermärkten würde zurückgehen, da Land und Meer im globalen Süden zuerst zur Erzeugung von Nahrungsmitteln für die Menschen dort ge- nutzt wird, anstatt für Futtermittel zur Her- stellung von billigem Fleisch oder Fischkon- serven für uns.DieNotwendigkeit der ökolo- gischen Nachhaltigkeit und das Recht zukünftiger Generationen auf Ernährungssi- cherheit erfordert, der Übernutzung der natürlichen Ressourcen im globalen Süden ein Ende zu setzen. Ein weiterer Grund, war- um der globale Handel mit Lebensmitteln v.a. von Süden nachNorden geringerwerden muss. Ein Mehr an lokaler Sortenvielfalt wird unseren Speiseplan weiterhin abwechs- lungsreich machen. Der Handel von Lebens- mitteln wird sich stärker lokalisieren und in- nerhalb von kontinentalen Regionen stattfin- den. REICHE ERNTEN Die Landwirtschaft hat gerade Erntezeit. Doch nicht Wei- zen- Wein- oder Rübenertrag stehen zur Diskussion, son- derndie jährlich2,3MilliardenEuroAgrarförderungen.Sehr ertragreich für einige wenige. Ob das so sein oder bleiben muss, darüber sprach Wilfried Leisch mit dem Autor von „Schwarzbuch Landwirtschaft“,Dr. HansWeiss. Wem kommen die Förderungen zugute? Weiss:Nur etwa 20Prozent des ge- samten Förderkuchens geht an die viel beschworenen kleinen Bauern, die restlichen 80Prozent erhalten hauptsächlich Reiche und Superrei- chewie JuliusMeinl, Großbauern, Raiffeisenbetriebe, Nahrungsmit- telfirmen,multinationale Konzerne wie Kraft Foods (Milka-Schokola- den) undAgrarfunktionäre des ÖVP-Bauernbundes. Wer sind die größten Nutznießer? Weiss: Diejenigen, die es ganz und gar nicht notwendig haben. Etwa Fürst Liechtenstein 1,6 Millionen Euro, der Papierindustrielle und „Nebenerwerbslandwirt“ Alfred Heinzel 415.000 Euro. Eine der of- fiziellen Begründungen: Damit soll „ein stabiles Einkommen gewähr- leistet werden.“ Welche Steuervorteile haben die Bauern? Weiss:Bauernmüssen nicht ihr rea- les Einkommen versteuern, sondern nur ein fiktives, das extremniedrig angesetzt ist und seit 1988unver- ändert geblieben ist – das ist der so genannte Einheitswert. Dieses Privi- leg führt dazu, dass 97Prozent aller Bauern keine Einkommensteuer zahlenmüssen – egal, wie viel sie tatsächlich verdienen. Siemüssen lediglich eineminimale Grundsteuer entrichten. ImDurchschnitt sind das proBauer etwa 150Euro imJahr. Weil der Einheitswert auch die Basis zur Berechnung aller weiterenAb- gaben ist,müssen fast alle Bauern nurminimale Beiträge zur Kranken- kasse und zur Pensionsversiche- rung zahlen – in der Regel sind das insgesamt etwa4.000Euro imJahr. Weil sowenig in die Pensionsversi- cherung eingezahlt wird,muss der Staat jährlich noch einmal 1,7Milliar- den Euro für die Bauern-Pensionen zuschießen. Einweiterer Steuervor- teil ist das Familiensplitting: Bei ver- heiratetenBauern kann das fiktive Einkommen zwischenMann und Frau geteilt werden und die Steuer wird erst nach diesem„Splitting“ berechnet. Würden ohne Agrarsubventionen Lebensmittel teurer? Weiss: Das glaube ich nicht. Da wo besonders hoch gefördert wird, sind die Preise auch besonders hoch – zum Beispiel beim Zucker. Welche Rolle spielt die Politik? Weiss:Ein zentralesProblembe- steht darin, dass diejenigen, die über dieRegeln zurVergabevonFörde- rungenbestimmen –das sind zu fast 100ProzentÖVP-Bauernbundmit- glieder –, selbst in hohemAusmaß vondiesenFörderungenprofitieren. Bis jetzt hat derÖVP-Bauernbund als quasiAlleinherrscher imLand- wirtschaftsbereich bestimmt,was läuft. Alle anderenParteien hatten hier nichts zumelden. Wie soll ein künftiges Förder- system aussehen? Weiss:Man sollte alle regelmäßi- gen Förderungen nach oben be- grenzen – beispielsweise auf 25.000 Euro im Jahr. Privatstif- tungen sollten überhaupt keine Förderungen erhalten. Generell: Große Betriebe sollten weniger kriegen und kleine mehr. Derzeit erhalten kleine Bauern pro Hektar 448 Euro, große 544 Euro Förde- rung. Das steht in krassemWider- spruch zu den Behauptungen der Agrarfunktionäre und –politiker, dass die Förderungen in erster Li- nie den kleinen Bauern zugute kommen und dazu dienen, die kleinteilige Landwirtschaft auf- rechtzuerhalten. INTERVIEW www.wirtschaftundumwelt.atSEITE 24 WIRTSCHAFT & UMWELT 3/2010 Hans Weiss