ie Länder, die als Industriestaa- ten bezeichnet werden, wandeln sich zusehends zu Dienstleis- tungsgesellschaften. In Österreich hatte der sekundäre Sektor, also die Güterpro- duktion, im Jahr 1980 einen Anteil von 32 Prozent am Bruttoinlandsprodukt, im Jahr 2010 waren es nur mehr 26,5 Pro- zent. Der Anteil des tertiären Sektors, also des Dienstleistungssektors, stieg in dieser Zeit von 52 auf 63 Prozent. Der Ausdruck „Industrieland“ wird damit immer weni- ger treffend. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass die Wertschöpfung im- mer weniger von materiellen Ressourcen abhängig ist. Dahinter steht jedoch eine wachsende Verlagerung von Produk- tionsprozessen in weniger entwickelte Staaten. Der Einsatz von Ressourcen und von Energie wird damit ausgelagert. Dazu zählen auch die verschiedensten Chemikalien, die in den Produktionspro- zessen eingesetzt werden. Mit der REACH-Verordnung (Re- gistration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals, also der Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien) hat die EU ein Regelwerk geschaffen, das den Anspruch erhebt, dass – zumin- dest mittelfristig – keine Chemikalien mehr verwendet werden dürfen, deren Gefährlichkeit nicht bekannt ist. „Keine Daten – kein Markt“, lautet die Devise. Besonders gefährliche Stoffe, beispiels- weise solche, die Krebs auslösen oder zu Fortpflanzungsschäden führen können, sollen schrittweise vom Markt genom- men werden. Ergänzt wird dies von den EU-Richtlinien zum ArbeitnehmerIn- nenschutz, die unter anderem sicherstel- len sollen, dass in der EU kein Arbeiter, keine Arbeiterin durch den Einsatz von chemischen Stoffen am Arbeitsplatz krank wird oder geschädigt wird. Doch diese Vorschriften sind auf die EU beschränkt. Welche Chemikalien in anderen Ländern verwendet werden, ob sie dort die Menschen oder die Umwelt schädigen, liegt außerhalb des Wirkungs- bereichs der EU-Gesetzgebung. Aber auch gefährliche Stoffe, die in importier- ten Erzeugnissen gebunden sind, werden von der REACH-Verordnung nur unzu- reichend erfasst. GlobAler HANDel Heute besitzen viele ein Smartphone, einen Laptop, einen Flachbildfernseher, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er zum Beispiel in Südkorea, Singapur oder Taiwan hergestellt wurde. Dort wie- derum werden Komponenten verarbeitet, die etwa aus China und Indien stammen. Gewand und Schuhe kommen aus China, aus Mexiko, aus der Türkei. Nahrungs- mittel aus aller Welt gelangen auf den europäischen Markt. Nur wenige fragen nach den Arbeitsbedingungen, unter de- nen diese Produkte hergestellt werden. f o t o s : s c h U h 2 ), h a n n a K ( 1) , G e t t y im a G e s /a d r ia n W e in B r e c h t ( 1) *Dr. Christoph Streissler ist Chemiker und Mitarbeiter der Abteilung Umwelt & Verkehr in der AK Wien. weiter auf Seite 16 ? schwerpUnkt schöne Welt, schmutzige Welt D www.ak-umwelt.atSeite 14 Wirtschaft & UmWelt 3/2011 Der Schutz vor gefährlichen Chemikalien hat in Europa in den letzten Jahren beachtliche Fortschritte gemacht. Dies wird auch heuer, im Jahr der Chemie, zurecht gefeiert. Die Firmen, die Che- mikalien erzeugen, verwenden und entsorgen, sind sicherer, sau- berer geworden. Alles im grünen Bereich? Vielleicht in der EU. Aber wie ist es um die Chemie in anderen Staaten, vor allem in Entwicklungsländern, bestellt? VON CHRISTOPH STREISSLER* ZuSAmmeNFASSuNG: Entwicklungsländer sind immer mehr die verlän- gerte Werkbank der EU. Doch dort ist es mit der sicheren Verwendung von Chemikalien nicht weit her: Bei der Produktion von Waren für den europä- ischen Markt und später bei deren Entsorgung kommt es zu schweren Schäden für Menschen und Umwelt. Wird dies durch freiwillige Standards und internationale Abkom- men zur Chemikaliensi- cherheit besser? CHemie globAl