Bangladesch ist eines jener Länder, die von der Produktions- auslagerung im Textil- und Ledersektor in den letzten 20 Jahren wirtschaftlich profitiert haben, aber auch die damit verbundenen typischen Arbeits- und Umweltschutzproblematiken mit über- nommen haben. Aufschwung auf Kosten von Mensch und Na- tur? Stimmt das noch? VON JÜRGEN HANNAK* it knapp zehn Milliarden Euro an Exporten (80 Prozent der Gesamtexporte in 2010, vor- wiegend in die EU) ist die Textil- und Bekleidungsindustrie der wichtigste Wirtschaftszweig in Bangladesch. Etwa fünf Millionen Beschäftigte, davon rund vier Fünftel Frauen, stellen in den ca. 4500 großen und mittelständischen Unternehmen Bekleidung, Haus- und Heimtextilien (zum Beispiel Handtü- cher, Bettwäsche oder Gardinen) vor- wiegend für den Export her. Die Löhne in der Textil- und Bekleidungsindustrie in Bangladesch zählen nach wie vor zu den niedrigsten der Welt. 2010 lag der Mindestlohn bei knapp 35 Euro pro Mo- nat. Seit den 1980er Jahren verzeichnete der Sektor ein phänomenales wirtschaft- liches Wachstum, jedoch mit entspre- chenden Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit. Die hohe Konzentration von Unternehmen in einigen wenigen geographischen Clustern, zumeist an ei- nem der zahlreichen Flüsse und in städ- tischen Ballungsgebieten Bangladeschs, verstärkt die Umwelt- und Gesundheits- problematik. Ein Beispiel: die jährliche Abwassermenge macht derzeit etwa 100 Millionen m3 aus. In der EU hat das Zusammenspiel ver- schiedener Faktoren – ein umfangreiches gesetzliches Rahmenwerk, dessen kon- sequente Umsetzung, ein breites öffent- liches Umwelt- und Sicherheitsbewusst- sein, ein gutes Bildungswesen, ein hohes Bildungsniveau der ArbeitnehmerInnen, eine etablierten Gewerkschaftsbewe- gung, usw. zu einem hohen Standard beigetragen. Im Gegensatz dazu ist die Produktion in den Entwicklungsländern in ein Umfeld eingebettet, in dem die genannten Faktoren noch nicht so aus- gebildet sind, dass sie gegenwärtig zur Sicherstellung eines ähnlichen Schutz- niveaus von Mensch und Umwelt beitra- gen können. lokAlAuGeNSCHeiN Dass es dazu vielerorts noch eine lange Strecke zu bewältigen gilt und entsprechender Unterstützungsbedarf besteht, führt schnell und drastisch ein Lokalaugenschein in einem Industrie- viertel Dhakas, der Hauptstadt Bangla- deschs, vor Augen. Chemikalienhaltige Industrieabwässer laufen hier ungeklärt in den nahen Fluss, ArbeiterInnen mi- schen mit bloßen Händen Farb- und Gerbstoffe und stehen in Plastiksandalen in den Pfützen vor leckenden Maschinen. Verschiedene aufgerissene und halbvolle Chemikaliensäcke liegen ungeordnet in einer Ecke, die als provisorisches Lager dient. Grundwasser und Böden sind stark verseucht. Abfälle, u.a. auch Restche- mikalien, werden offen verbrannt und belasten nicht nur in der unmittelbaren Umgebung die Luft. „Frauen in Bangladesch sind am bes- ten über Modetrends informiert“, lau- f o t o s : h a n n a K ( 2 ), G e t t y im a G e s /a d r ia n W e in B r e c h t ( 1) *Dr. Jürgen Hannak ist seit 16 Jahren als Berater für Ressourceneffizienz und Umweltmanagement in Südostasien tätig. 3. Welt – weit weg von sauberer chemie M www.ak-umwelt.atSeite 18 Wirtschaft & UmWelt 3/2011 ZuSAmmeNFASSuNG: Dank gesetzlicher und anderer Faktoren genie- ßen wir heute in der EU ein hohes Schutzniveau. ArbeitnehmerInnern in Entwicklungsländern, die viele der Waren in unserem Einkaufskorb produzieren, kommen trotz einiger Fort- schritte noch nicht in den Genuss eines derartigen Schutzniveaus. Bis zur An- gleichung der Standards bedarf es noch weiterer Unterstützung und einer schnelleren Umsetzung der internationalen Über- einkommen. schwerpUnkt CHemie globAl