www.arbeiterkammer.at Wirtschaft & Umwelt 4/2018 Seite 19 Während die neue WHO-Standard- kurve sich im oberen Schallpegelbe- reich (>65 dBA) nur unwesentlich von der seit 2002 mit der Umgebungslärm- richtlinie veröffentlichten EU-Stan- dardkurve unterscheidet, zeigen sich für den Bereich unter 60 dBA höhere Belästigungsquoten, welche die immer stärkere Ausweitung des Straßenver- kehrs in vormals ruhige Gegenden und in Abend- und Nachtstunden reflektie- ren. Schienenlärm: starke Belästigung Bei der Belästigung durch Schienen- verkehr kam es zu einer ausgeprägten Verschiebung der neuen WHO-Stan- dardkurve mit deutlich höheren Belästi- gungsquoten im Vergleich zur EU-Stan- dardkurve. In den zwei großen Wipptal- Studien liegt der Prozentsatz stark Belästigter aber noch deutlich über der neuen WHO-Standardkurve. Ein Schienenbonus ist jedenfalls zwischen 60 und 70 dBA nicht mehr erkennbar und scheint in den WHO-Leitlinien auch nicht mehr auf. Beeinträchtigung des Schlafs Zu den Schlafstörungen existiert seit 2009 die WHO-Nachtlärm-Richtlinie. Der Zielwert wurde mit 40 dBA Außen- schallpegel (Lnacht) festgelegt. Er soll die besonders empfindlichen Bevölke- rungs-Segmente (Kinder, Schwangere, Nachtschichtarbeiter, kranke und alte Menschen) schützen. Als politisches Minimalziel („interimtarget“) wurde 55 dBA (als absolutes Gesundheitsrisiko) fixiert für Staaten, welche sich (insb. aus ökonomischen Gründen) nicht in der Lage sehen, den präventiven Ziel- wert umzusetzen. In der 2011 von der WHO herausgegebenen Monographie zum Verlust von gesunden Lebensjah- ren („burden of disease“) durch Umge- bungslärm in Europa lagen die schweren Schlafstörungen durch Verkehrslärm an erster Stelle. Der Berechnung lag damals die Expositions-Wirkungskurve zum Straßenverkehrslärm (rote Linie in Abb. a) auf Seite 20) zugrunde. In der auf neueren Daten basieren- den Schlaf-Evidenzstudie verbleibt die Kurve für die stark im Schlaf Gestörten durch Straßenverkehrslärm zwar im 95% Vertrauensintervall – die beobach- tete Schlafstörung durch die Schiene liegt in der neuen Evidenz signifikant höher (schwarze Kurve in Abb. b) auf Seite 20). Bei Lnacht-Schallpegeln von 55 dBA fast doppelt so hoch (6% vs. 10,4%). Hauptgrund sind die veränder- ten Belastungen durch den Schienen- verkehr (mehr und längere, nächtliche Güterzüge) ohne dass die Schall-Emis- sionen dieser Züge verringert worden sind. Ein Schienenbonus ist nicht mehr zu rechtfertigen. Herz-Kreislauf- und andere gesundheitliche Wirkungen Die beste Evidenz für Herz-Kreis- lauf-Wirkungen durch den Straßenver- kehrslärm wurde für die ischämische Herzkrankheit erhoben. Der Wirkungs- zusammenhang zwischen Verkehrslärm und Bluthochdruck ist hingegen weni- ger gut abgesichert. Erstmals wurden auch signifikante Risikoerhöhungen durch Straßenverkehrslärm für Schlag- anfall (+14%) nachgewiesen. Die Belastungs-Wirkungs-Beziehun- gen für starke Belästigung, Schlafstö- rungen und Herz-Kreislauf-Erkran- Hintergrund Neue Leitlinien der WHO für Lärmbelastung veröffentlicht – Basel, 10. Oktober 2018 – Download: http://www.euro.who.int/de/media-centre F O T O S : Ö B B ( 1) , P E T E R L E R C H E R P R IV A T ( 1) Regelmäßiges Schienenschleifen ist Lärmschutz an der Quelle. ? Die Belastungs-Wirkungs-Beziehungen für starke Belästigung, Schlafstörungen und Herz- Kreislauf-Erkrankungen waren die Top-Argu- mente zur Ableitung der WHO-Richtlinienwerte.