*Gloria Gruber ist Sozialwis- senschafterin und Referentin für Sozialpolitik in der AK Wien. Auf die Frage „Wie geht’s Öster-reich?“ wird schnell mit Standard- Kennzahlen rund um die Wirtschafts- leistung (BIP) geantwortet. Zentrale As- pekte wie Verteilung des Wohlstands, gute Arbeitsbedingungen, Zugang zum Bildungs- und Gesundheitswesen, das Verhältnis von bezahlter und unbezahl- ter Arbeit, Gleichstellung oder eine in- takte Umwelt, die maßgeblich zu einer hohen Lebensqualität beitragen, wer- den schnell außer Acht gelassen. Der Wohlstandsbericht der Arbeiterkam- mer greift diese Dimensionen auf und beleuchtet ganz bewusst auch zentrale Elemente der Arbeitswelt und des All- tagslebens. Sozialstaat als Voraussetzung für Lebensqualität Das hohe Wohlstandsniveau in Ös- terreich beruht vor allem auf einem gut ausgebauten und krisenfesten Sozial- staat: wirtschaftliche Stabilität, hohe Arbeitsproduktivität, hohe real verfüg- bare Einkommen und hohe physische Sicherheit. Auch beim Wohnen setzt Österreich mit dem sozialen Wohn- bau international Standards. Im eu- ropäischen Vergleich ist das Armuts- risiko gering, Beschäftigung und For- schungsausgaben sind hoch, der öf- fentliche Verkehr ist gut ausgebaut, die Luft wenig feinstaubbelastet und die Mitbestimmung auf unterschiedlichen Ebenen etabliert. All diese Aspekte tragen maßgeblich zu einer hohen Le- bensqualität und zum Wohlstand einer Gesellschaft bei. COVID-19 führt jedoch zu einem erheblichen Rückschlag für die nach- haltige Entwicklung von Wohlstand und Wohlergehen. Menschen, die schon vor der Krise zu vulnerablen und struk- turell benachteiligten Bevölkerungs- gruppen gezählt haben – Frauen, Ju- gendliche, Geringqualifizierte, Ältere – sind besonders von den sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Krise betroffen. Drohende und reale Ein- kommensverluste, Arbeitslosigkeit, die Angst vor Armut und Ausgrenzung F O T O S : G E R H A R D K L A B U T S C H A R ) (1 ), S IL A S C A M A R G O _P IX A B A Y ( 1) , G L O R IA G R U B E R P R IV A T ( 1) Soziale Aspekte des Wohlstands www.ak-umwelt.atSEITE 14 WIRTSCHAFT & UMWELT 4/2020 KURZGEFASST Je länger die Pandemie dau- ert, umso sichtbarer werden die Narben dieser Gesund- heits- und Wirtschaftskrise. Die soziale Frage wird sich trotz funktionierender sozial- staatlicher Institutionen zuspit- zen. Die rasche Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit in Österreich sollte Priorität ha- ben, zugleich sollte ein Beitrag zur sozial-ökologischen Trans- formation geleistet werden. In der COVID-19-Krise sind die eingefleischten Neoliberalen, die sonst stets den Sozialstaat für überteuert und veraltet erklären, auffällig still. Den ungewollten Stresstest hat dieser aber wieder gut gemeistert. Nun werden Stimmen laut, die um den sozialen Zusammenhalt in Österreich fürchten. VON GLORIA GRUBER* Schwerpunkt Nachhaltiger Wohlstand ?