33 infobrief eu & international Ausgabe 3 | Juni 2011 wien.arbeiterkammer.at Denn erstens macht der Bogen, der vom Status öffentlicher Dienstleis- tungen als Kernelement des keyne- sianischen Wohlfahrtsstaats bis zu den Entstehungsbedingungen eines globalisierten Dienstleistungsmark- tes in den 1990ern-Jahren gespannt wird, die geschichtlichen Wurzeln der Liberalisierungseuphorie der letzten Jahre zugänglich. Auf diesem Weg wird zudem ein zentraler Ausgangs- punkt des Buches verdeutlicht: Die Umbrüche im Dienstleistungsbe- reich lassen sich keinesfalls allein auf technologische Veränderungen oder einen quasi „naturwüchsigen“ Globalisierungsprozess zurückfüh- ren. Vielmehr gehe es dabei um einen politischen Prozess, den kon- krete Akteure vorangetrieben ha- ben. Diese Perspektive führt gerade auch dazu, die offensiven Libera- lisierungsbestrebungen der EU in zentralen Bereichen der öffentlichen Daseinsvorsorge – wie z.B. Wasser – grundlegend zu problematisieren. Zweitens bietet das Buch eine vertie- fende Auseinandersetzung mit den sonst wenig belichteten Akteurskon- stellationen zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Kräften, die mit Projekten wie etwa dem WTO- Dienstleistungsabkommen GATS, der Finanzmarktintegration oder der EU-Dienstleistungsrichtlinie in Ver- bindung stehen. In diesem Zusammenhang wird beispielsweise eine detaillierte Un- tersuchung der engen Zusammen- arbeit zwischen der Europäischen Kommission und dem European Services Forum (ESF) in den GATS- Verhandlungen vorgenommen. Zu- gleich widmet sich „Vom Binnen- markt zum Weltmarkt“ nicht nur der „proaktiven“ Rolle der Europäische Kommission und von europäischen Wirtschaftsverbänden in der wett- bewerbsstaatlichen Restrukturie- rung des Dienstleistungssektors. Dazu kommt ein hohes Augenmerk auf die Interessengegensätze sowie Proteste, die beispielsweise zum – zumindest bis dato anhaltenden – Stocken der GATS-Verhandlungen oder zur (teilweisen) Entschärfung der Dienstleistungsrichtlinie geführt haben. Drittens liegt eine besondere Stärke des Buches darin, eine iso- lierte Betrachtung von „internen“ und „externen“ Europäisierungspro- zessen („EU-Außenbeziehungen“) zu durchbrechen. So gelingt es eingän- gig, die wechselseitigen Verstärker- effekte und Interaktionen zwischen der konkurrenzgetriebenen Reor- ganisation des Binnenmarktes und der internationalen Handelspolitik der EU herauszuarbeiten. Das zur Anwendung kommende Konzept ei- ner „doppelten Europäisierung“ Die EU als Liberalisierungsmacht Vom Binnenmarkt zum Weltmarkt Im Zeichen der jüngsten Krise mehren sich die Versuche, weitere Liberalisierungen und Privatisierungen öffentlicher Dienstleistungen auf den Weg zu bringen. Umso wertvoller ist die umfassende Analyse der Strategien zur Liberalisierung und Globalisierung des europäischen Dienstleistungssektors, die Christina Deckwirth mit „Vom Binnenmarkt zum Weltmarkt“ vorgelegt hat. Oliver Prausmüller Vom Binnenmarkt zum Weltmarkt Die Liberalisierung und Globalisierung des europäischen Dienstleistungssektors Von Christina Deckwirth Westfälisches Dampfboot (2010) Zur Autorin: Wissenschaftliche Mitarbeiterin im deutschen Bundestag, zuvor Pro- jektreferentin bei der NGO Welt- wirtschaft, Ökologie & Entwicklung (WEED) und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politik- wissenschaft in Marburg tätig. » Das Buch bietet eine vertiefende Auseinandersetzung mit sonst wenig belichteten Akteurs- konstellationen – wie z.B. die enge Zusam- menarbeit zwischen der Euro päischen Kommission und dem European Services Forum in den GATS- Verhandlungen. Buchtipp Buch-Tipp