35 infobrief eu & international Ausgabe 3 | Juni 2011 wien.arbeiterkammer.at Buch-Tipp Post-Neoliberalismus? – Aktuelle Konflikte Gegen-hegemoniale Strategien Von Ulrich Brand, VSA: Verlag Hamburg (2011) VS V Ulrich Brand Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konfl ikte Gegen-hegemoniale Strategien Buchtipp Aktuelle Konflikte – Gegen-hegemoniale Strategien Post-Neoliberalismus? In “Post-Neoliberalismus” plädiert Ulrich Brand in mehrfacher Hinsicht für gesamtheitlichere Betrachtungs- weisen: Er skizziert die Verkürzt- heit der herrschenden Krisendeu- tung, welche den Grund der Krise auf die unregulierten Finanzmärk- ten beschränkt und „vor allem in den unkontrollierten – mitunter als gierig bezeichneten – Finanzmarkt- managern“2 ortet. Statt dieser engen Sichtweise fordert Brand dazu auf, die Krise als multiple Krise zu erken- nen, welche neben der Finanz- und Wirtschaftskrise, insbesondere auch eine sozial-ökologische, Energie- und Ernährungskrise, globale soziale Spaltungen sowie eine Krise der Ge- schlechterverhältnisse umfasst. Auch hinsichtlich der Krisenbearbei- tung argumentiert Brand für eine weiter gefasste Perspektive: In ei- nem zentralen Kapitel seines Buches warnt Brand vor „Staatseuphorie ohne Strategie“ und spricht hier Kri- senbewältigungsstrategien an, die sich auf einen Ruf nach verstärkter staatlicher Einflussnahme beschrän- ken, welche insbesondere auch von linker Seite erhoben wird. Doch die- se Analyse „verkennt“ – wie Brand zu Bedenken gibt – „dass der Staat nicht „verschwunden“ war sondern das seine Repräsentanten und In- stitutionen aktiv am neoliberalen Umbau mitgewirkt, ja ihn mitunter sogar orchestriert haben“3. Post-Neoliberalismus? Hiermit ist – wie Ulrich Brand dezidiert feststellt – „[a]uf keinen Fall […] eine neue Phase kapitalistischer Vergesellschaftung und damit das Ende der vorhergehenden indiziert“1. Vielmehr ist „Post-Neoliberalismus“ bei Brand ein strategischer Begriff, mit dem gegenwärtig Brüche und kontinuitäten verhandelt werden können. Brand geht der Frage nach, in welchen Bereichen es vor dem Hintergrund der aktuellen Krise einerseitszu Diskontinuitäten kommt und mit vorherrschenden neoliberalen Ansätzen gebrochen wird und in welchen Bereichen andererseits neoliberale Kräfte weiter wirken. Alice Wagner Eine Krisenintervention, die nur da- rauf abstellt, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, ist aus Ulrich Brands Perspektive, auf jeden Fall verfehlt. Stattdessen ruft er dazu auf die ak- tuelle Situation dafür zu nutzen, „eine ganz andere Lebensweise als die imperiale durchzusetzen“.4 Als mögliches Gegenkonzept zum Neoli- beralismus, und somit als eine post- neoliberale Strategie skizziert Brand den Green New Deal, mit dem Vorbe- halt, dass dies nach Brands Diktion auch Fragen des Eigentums (Stich- wort: Commons), der Umverteilung der gesellschaftlichen Arbeitsvertei- lung (Stichwort: Arbeitszeitverkür- zung) und der Wachstumskritik bein- halten müsste. Ulrich Brands Buch ist nicht nur eine spannende tour d’horizon mit Ein- drücken aus den aktuellen Foren der politischen Auseinandersetzung, vom G8-Prozess über die Diskussionen im Rahmen der Europäischen- und Weltsozialforen, sondern zeigt auch Wege auf, die Krise als Chance zu nützen. Eine klare Leseempfehlung für jede/n! Alice Wagner n AK Wien alice.wagner@akwien.at 1) Ulrich Brand, Post-Neoliberalismus? Aktuelle Konflikte, Gegen-hegemoniale Strategien (2011) 47. 2) Ebd. 25. 3) Ebd. 76. 4) Ebd. 81. „Post-neoliberale Strategien bedeuten nicht per se eine Ab- kehr von neoliberaler Politik; mit dem Begriff werden viel- mehr unterschiedliche Optionen der Krisen- bearbeitung in den Blick genommen.“ Ulrich Brand Der Autor: Professor für Internationale Politik am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, Mitglied der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestages.