25 infobrief eu & international Ausgabe 4 | Oktober 2011 wien.arbeiterkammer.at Eine in den letzten Jahren und Jahr- zehnten immer größer werdende Un- gleichverteilung von Vermögen und Einkommen führt zu einem Rückgang der Konsumnachfrage in weiten Teilen der Bevölkerung. Während Länder wie Deutschland diesen Trend durch Exportorientierung ausgleichen, stüt- zen etwa die USA den Konsum mit billigen Krediten. Die Folge: größer werdende Ungleichgewichte in Han- delsbilanzen, überhitzte Immobilien- märkte, riesige Vermögen, die auf die deregulierten Finanzmärkte drängen. Der Crash war unausweichlich. In Europa habe man es mittels antizy- klischer Wirtschaftspolitik geschafft, dass die Krise nicht jene dramati- schen Dimensionen angenommen hat, wie es in der Weltwirtschaftskri- se der 1930er Jahre der Fall war. Den Krisenfolgen – hohe Arbeitslosigkeit, hohe Staatsschulden, Zunahme der ungleichen Verteilung von Einkom- men und Vermögen – würde jedoch nur unzureichend Rechnung getra- gen. Statt sich um die sozialen Kosten der Krise zu kümmern, konzentriere sich die (europäische) Politik vorran- gig auf die Verringerung der Schulden über teils radikale Sparpakete. Damit würden jene Politikmuster wieder aufgegriffen, die die Entstehung der Krise erst möglich gemacht haben. Das Wirtschaftswachstum wird ge- drosselt, die Arbeitslosigkeit bleibt hoch, die Staatseinnahmen niedrig. Diese Art der Politik bringt den Sozi- alstaat in Bedrängnis und gefährdet den gesellschaftlichen Wohlstand. Was schlägt Marterbauer also vor? Er liefert ein Maßnahmenbündel, das den Sozialstaat, das Steuersystem, den Industriestandort, die Budget- politik, die Beschäftigungspolitik und einiges mehr umfasst. Es beinhaltet unter anderem die Forderungen nach einer merkbaren Vermögensbesteu- erung, dem Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen, einer Verkürzung der Arbeitszeit und nicht zuletzt einer Beschäftigungsinitiative für Europa, die die Gesellschaft aus der Sack- gasse Jugendarbeitslosigkeit führen kann. Wer Zweifel daran hegt, dass diese Projekte umgesetzt werden können, der/dem bleibt der Autor keine Zahlen schuldig. Zu guter Letzt greift Marterbauer noch eine aktuelle Debatte auf und fragt: „Brauchen wir Wirtschafts- wachstum?“ Hier plädiert er für eine alternative Wohlstandsmessung, die das BIP als Leitindikator erweitern soll. Zudem ginge es um die Art des Wachsens, die zu steuern eine zen- trale Aufgabe der Wirtschaftspolitik sei. Eine stärkere Nutzung des erar- beiteten Wohlstandes für mehr Frei- zeit und Lebensqualität sei jedenfalls wünschenswert, „…doch eine gerech- te Gesellschaft wird durch das Dösen in der Sonne kaum zu erreichen sein, sondern durch aktive Politik zuguns- ten solidarischer Lösungen für die Herausforderungen in Wirtschaft, So- zialsystem und Ökologie.“ Wer auf der Suche nach einer nach- vollziehbaren, sauber recherchierten und zeitnahen Krisenanalyse ist, die darüber hinaus politische Konzepte liefert und auch für Nicht-ÖkonomIn- nen verständlich ist, der/dem sei die- ses Buch ans Herz gelegt. Maria Maltschnig n AK Wien maria.maltschnig@akwien.at Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle Die Immobilienblase in den USA platzt, die Banken sitzen auf unvorstellbar großen Mengen an faulen Krediten, Finanz- marktaufsicht und Ratingagenturen versagen, große Finanzinsti- tute gehen bankrott. So lautet die herkömmliche Erzählung der Krise. Markus Marterbauer greift in seinem neuen Buch „Zahlen bitte! – Die Kosten der Krise tragen wir alle? eine Analyse auf, die weit tiefer geht und die strukturellen Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise aufdeckt. Maria Maltschnig Zahlen bitte! – Die Kosten der Krise tragen wir alle Von Markus Marterbauer Wien: Deuticke 2011, 256 Seiten ISBN 978-3-552-06173-6 Zum Autor: Markus Marterbauer studierte in Wien Volkswirtschaft und arbeitete nach einer Assistentenlaufbahn an der WU Wien bis 2011 als Verant- wortlicher für Konjunkturprognosen und gesamtwirtschaftliche Analy- sen am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Seit 2011 leitet er die Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Sta- tistik der Arbeiterkammer Wien. Ebenfalls sehr lesenswert ist sein 2007 bei Zsolnay erschienenes Buch „Wem gehört der Wohlstand“. Buchbesprechung Buch­Tipp Statt sich um die sozialen Kosten der Krise zu kümmern, konzentriert sich die Politik vorrangig auf die Verringerung der Schulden über teils radikale Sparpakete.