26 infobrief eu & international Ausgabe 4 | Oktober 2011 wien.arbeiterkammer.at Buch­Tipp Buchbesprechung Von der Stellvertreter- zur Beteiligungsdemokratie Protest Bewegung Umbruch Es sind die Kinder und Kindeskin- der der 68er Generation, die nun in Europa für Aufsehen sorgen. Jene Menschen, die in den 90er Jahren als „Generation No Future“ bezeichnet wurden, denen notorisches unpoli- tisch sein unterstellt wird und die in den letzten Jahren unter dem Begriff „Generation Praktikum“ homogeni- siert wurden. Doch anders als für die 68er „wird politisches Engagement für die junge Generation mehr und mehr zu einer existenziellen Frage“. Dabei geht es neben Themen wie Bildungszugänge, mangelnde Ausbil- dungsplätze, prekäre Arbeitsverhält- nisse und ökologischen Fragen auch um die Frage der „Demokratie“, die nicht nur eingefordert wird, sondern innerhalb der Bewegungen selbst zum Experimentierfeld geworden ist. Die Beiträge des Buches wurden größtenteils von AktivistInnen der jeweiligen Bewegungen und Proteste verfasst, die ihre Beweggründe, Er- fahrungen und Schlussfolgerungen auf eine optimistische, aber auch selbstkritische Art wieder geben und sich nicht um die Frage herumdrü- cken, warum sie auch manchmal gescheitert sind. Obwohl die HerausgeberInnen zu Beginn feststellen, dass es ihnen vor allem darum geht Fragen aufzuwer- fen, die es in Zukunft zu diskutieren gilt, liefert das Buch auch viele Ant- worten. Zum Beispiel darauf, warum junge Leute Plätze besetzen, Castor- Transporte aufhalten, Stuttgart 21 zu Fall bringen wollen, aber recht zöger- lich sind, wenn es darum geht sich von Anderen vertreten zu lassen. Und so findet sich das „Prinzip der Nicht-Repräsentation“, welches im Wiener Audimax zum Grundsatz er- klärt wurde, auf die eine oder andere Weise in den meisten aktuellen Pro- testbewegungen wieder. So unter- schiedlich die Anliegen und Formen Stuttgart 21, die Audimaxbesetzung in Wien, Anti-Atom- proteste in Deutschland, Studierendenproteste in Großbritannien und Italien, … Eine Generation ist aufgestanden. Und genau an diese „Generation der 18- bis 40-Jährigen“ richtet sich das Buch „Protest Bewegung Umbruch. Von der Stellvertreter- zu Beteiligungsdemokratie“, welches im VSA-Verlag erschienen ist. Kathrin Niedermoser der Proteste auch sein mögen, die Menschen, die sich an ihnen betei- ligen, haben eines gemeinsam: Sie wollen sich nicht mehr darauf verlas- sen müssen, dass über bestehende Strukturen die Dinge in ‚ihrem’ Sinne organisiert werden. Vielmehr wollen sie die Dinge selbst in die Hand neh- men und stellen somit auch das Prin- zip der „Stellvertreterdemokratie“ in Frage. Und auch wenn die Versuche eine Alternative zu diesem Modell zu entwickeln manchmal gescheitert sind, so wirkt die Darstellung nicht wie eine Niederlage, da stets die Frage gestellt wird, wie diese neuen Foren der Partizipation weiterhin ge- meinsam erarbeitet und erprobt wer- den können. Das Buch bietet nicht nur einen aus- führlichen und authentischen Über- blick über aktuelle Protestbewegun- gen in Europa, sondern zeichnet auch das Bild einer Generation, die gera- de eben aufgestanden ist, um ihren Unmut über die bestehenden Ver- hältnisse zu äußern. Zudem werden auch neue Kommunikationsmittel wie das web 2.0. und deren Potenti- al für Protestbewegungen dargestellt und kritisch hinterfragt. Die größte Stärke des Buches ist jedoch zwei- fellos, dass es sich mutig der Frage stellt, wo und wie Gewerkschaften an diese Bewegungen anknüpfen kön- nen. „Handeln heißt die Maxime und nicht in Hinterzimmern oder Konfe- renzen so lange debattieren, bis wir den Entwicklungen hinterherhinken“ meint dazu Christian Beck, der Ju- gendsekretär der IG-Bau. Denn um es mit den Worten des IG- Bau Jugendsekretärs zu sagen: „Die Themen, die den Alltag der Menschen bestimmen, müssen unsere Themen sein.“ Kathrin Niedermoser k.niedermoser@gmx.at Anders als für die 68er wird politisches Engagement für die junge Generation mehr und mehr zu einer existenziellen Frage. Das Buch ist im Mai 2011 als ein Gemeinschaftsprojekt der drei Bundesjugendsekretäre des DGB, der IGM und der ver.di im VSA: Verlag Hamburg erschienen. Protest Bewegung Umbruch. Von der Stellvertreter- zur Beteiligungsdemokratie von René Rudolf (DGB), Ringo Bischoff (ver.di), Eric Leiderer (IG Metall)