16 infobrief eu & international Ausgabe 4 | Oktober 2013 wien.arbeiterkammer.at nur im Rahmen eines gesamtwirt- schaftlichen Ansatzes forciert wer- den, bei dem die Nachfrageseite des Wirtschaftskreislaufs ebenso berück- sichtigt wird. Oberstes Ziel ist dabei die Steigerung der Investitionen in die Realwirtschaft, nicht aber des Finanzierungsangebots. Dies erfor- dert unter anderem solide öffentliche Haushalte, etwa mittels EU-weiter Kooperation im Bereich der Besteu- erung von Spitzenvermögen, Unter- nehmensgewinnen und Finanztrans- aktionen. Ziel muss die Schaffung eines nachhaltigen und beschäfti- gungsorientierten Steuersystems sein. An Stelle hochdifferenzierter Eigenkapitalregelungen sollten den Banken Verschuldungs- bzw. Fremd- kapitalobergrenzen auferlegt wer- den. Ein Blick in die Geschichte der ersten Phase der Globalisierung vor 1914 zeigt, dass große, auch grenz- überschreitende Infrastrukturpro- jekte durch Banken mit vergleichs- weise hohen Eigenkapitalquoten von 25-30 % finanziert werden konnten. Denn die Eigenkapitalunterlegung kommt die Banken nicht absolut, sondern nur im Verhältnis scheinbar leicht zu erwirtschaftender Gewinne im Investmentbanking ‚teuer’. Über- legungen, Banken einfache, d.h. un- gewichtete leverage ratios aufzuerle- gen, erscheinen daher sinnvoll.7 Auf diese Weise könnte für die EU- Staaten die Basis geschaffen wer- den, um langfristige Investitionen im Bildungs-, Sozial- und Infrastruktur- bereich zu finanzieren. Durch (staa- tenübergreifende) öffentliche Inves- titionen in diesen Bereichen käme es zu einer Belebung der Binnen- nachfrage. Dies wäre aber wiederum die beste Voraussetzung für mehr Investitionen. Umgekehrt werden auch Banken bei guter Wirtschafts- entwicklung viel eher bereit sein, Kredite zu leistbaren Kosten und in ausreichendem Umfang zur Verfü- gung zu stellen. Rein angebotsseitige Maßnahmen am Finanzsektor werden im Rah- men einer allgemeinen Kürzungs- und einseitig ausgerichteten Wett- bewerbspolitik hingegen nicht den gewünschten Erfolg zeigen. Solange Investitionen von der Realwirtschaft abgezogen und in den Finanzsektor investiert werden, weil dort durch massive Staatsbeihilfen zu Gunsten von „systemrelevanten“ Finanzinsti- tuten oder „Zombiebanken“8 weiter- hin höhere Renditen möglich sind, solange ist eine EU-weite Erholung von der Krise der Realwirtschaft nicht realistisch. Judith Vorbach n AK OÖ, vorbach.j@akooe.at Susanne Wixforth n AK Wien, susanne.wixforth@akwien.at » EU-Grünbuch zur Finanzierung der Europäischen Wirtschaft Veranstaltungsreihe Teil I Mittwoch, 4. November 2013, 18 bis 20 Uhr AK Bildungszentrum, Großer Saal Theresianumgasse 16–18 1040 Wien Wir bitten um Anmeldung: daniela.paraskevaidis@akwien.at Teil I der Veranstaltungsreihe stellt unter dem Titel Gutes Leben für alle – ein Entwicklungsmodell für Euro- pa? das Journal für Entwicklungspolitik (JEP) 3/2013 vor: Im vorliegenden Schwerpunktheft des Journals für Entwicklungspolitik wird diskutiert, inwiefern sich alternative Entwicklungsansätze aus Lateiname- rika für das Europa von heute nutzbar machen lassen. Ausgehend von aus der Entwicklungspolitik bekannten Problemen in der Peripherie wird der Frage nachgegangen, ob und inwie- fern Europa als „Entwicklungsland“ mit „Entwicklungsproblemen“ gesehen werden kann. Auch wenn diese Frage angesichts des Elends und Leids von vielen Millionen Menschen in anderen Erdteilen überzogen sein mag, mehren sich die Anzeichen, dass die Grenzzie- hungen zwischen dem Zentrum und der Peripherie der Weltwirtschaft ins Wanken geraten sind. Die Zukunft Europas: Kurswechsel für ein gutes Leben? Nach fünf Jahren „muddling through“ ist das Scheitern der europäi- schen Krisenlösungsstrategie offensichtlich: Staatsschulden und Arbeits- losigkeit sind höher als je zuvor. Gleichzeitig verbleiben drängende Umweltpro- bleme nach wie vor ungelöst. Weniger klar ist jedoch der Weg zu geeigneten Alternativen. Die Veranstaltungsreihe zur Zukunft Europas versucht, unter- schiedliche Alternativstrategien nicht nur kritisch zu würdigen, sondern auch Gemeinsamkeiten zu identifizieren, die zu einer zukunftsfähigen europäischen Politik beitragen. Im Gespräch mit Karin Fischer (Obfrau Mattersburger Kreis, Autorin): Andreas Novy (Herausgeber, Wirt- schaftsuniversität Wien, Grüne Bildungs- werkstatt), Alexandra Strickner (Obfrau Attac Österreich) und Markus Marterbauer (AK Wien)