27 infobrief eu & international Ausgabe 4 | Oktober 2013 wien.arbeiterkammer.at » Pessimismus: Der alte Konflikt zwi- schen Kapitalismus und Demokratie werde in der Finanzkrise auf europä- ischer Ebene zugunsten des Erste- ren entschieden: „Der heute wahr- scheinlichste Ausgang wäre dann die Vollendung des hayekianischen Gesellschaftsmodells der Diktatur einer vor demokratischer Korrektur geschützten kapitalistischen Markt- wirtschaft.“ (S. 235) Dennoch versucht auch er Ansatz- punkte für emanzipatorisch moti- vierte Gegenstrategie auszumachen. Dabei plädiert er zunächst für die Verteidigung und den Ausbau ei- nes einnahmensichernden Steuer- systems. Zu Recht stellt er fest, die Schuldenkrise sei auch eine Krise des Steuerstaates, weil sie „… eine Folge zu niedriger Besteuerung der besitzenden Schichten“ ist (S. 113). Er hält dann aber auch fest, dass ein brauchbares Instrument für die Wie- dergewinnung neuer Handlungsräu- me für den Nationalstaat die Mög- lichkeit der Währungsabwertung sei. Wolfgang Streeck plädiert also für das Ende des Euro, den er sogar als „frivoles Experiment“ bezeichnet. Gerade um diese Schlussfolgerung für die Zukunft des europäischen Pro- jektes hat sich eine intensive öffentli- che Debatte entsponnen, in der auch markante Unterschiede innerhalb der Linken sichtbar werden. Die proeuro- päische Gruppe, die wie Jürgen Ha- bermas auf einen „offensiven Ausbau der Währungsgemeinschaft zu einer supranationalen Demokratie“ drängt, hat in dieser Auseinandersetzung aus meiner Sicht die besseren Argumen- te für sich. Die Handlungsspielräume des Nationalstaates sind im Umfeld li- beralisierter Güter- und Finanzmärkte heute kaum noch in nennenswertem Umfang zurückzugewinnen. Markus Marterbauer n AK Wien, markus.marterbauer@akwien.at Buchbesprechung Die Krise des demo- kratischen Kapitalismus begann schon in den 1970er Jahren. Buch-Tipp Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus Suhrkamp Verlag, Berlin 2013 Zum Autor: Wolfgang Streeck, geboren 1946, ist Direktor am Max-Planck- Institut für Gesellschaftsforschung in Köln sowie Professor für Sozio- logie an der Universität zu Köln. » Veranstaltungsrückblick Der vor diesem Hintergrund erschiene- ne Band Fit für die Krise? Perspektiven der Regulationstheorie, der am 23. Oktober in der Bibliothek der AK Wien vorgestellt wurde, geht der Frage nach, ob die von diesem Ansatz entwickelten Konzepte fähig sind, die gegenwär- tige multiple Krise zu erklären und wo an andere Theorien und Diskus- sionen angeknüpft werden muss. Die gesammelten Aufsätze geben einen Überblick über den Stand der am Re- gulationsansatz orientierten Debatten, zeigen jüngere Weiterentwicklungen auf – etwa durch die Berücksichtigung der Geschlechterdimension – und fragen nach seinem theoretischen und zeitdiagnostischen Potenzial. Darü- ber hinaus zielen die Beiträge auf die Analyse unterschiedlicher Dimensionen der aktuellen multiplen Krise und sich abzeichnender Formen der Krisenbe- arbeitung. AutorInnen sind neben den HerausgeberInnen Sabah Alnasseri, Brigitte Aulenbacher, Hans-Jürgen Bieling, Alex Demirovic, Susanne Heeg, Joachim Hirsch, Bob Jessop, Birgit Riegraf, Bernd Röttger, Birgit Sauer, Stefan Schmalz, Martina Sproll, Ngai- Ling Sum und Markus Wissen. Perspektiven der Regulationstheorie Fit für die Krise? Gesellschafts- und kapitalismuskritische Analysen erfahren in der aktuellen Krise eine gewisse Renaissance. Das trifft auch für die Regulationstheorie zu, die seit den 1980er Jahren die Notwendigkeit einer Periodisierung kapitalistischer Entwicklung sowie ein „integrales“ Verständnis von Politik und Ökonomie betont. Die Buchpräsentation fand mit einfüh- renden Inputs der HerausgeberInnen statt: Roland Atzmüller, Assistenzpro- fessor an der Universität Linz, Joachim Becker, a.o. Professor an der Wirt- schaftsuniversität Wien, Lukas Obern- dorfer, Abt. EU & Internationales der AK Wien, Redakteur der Zeitschrift juri- dikum, Vanessa Redak, Bankangestell- te, Universitätslektorin und Redakteurin der Zeitschrift Kurswechsel, Thomas Sablowski, Wissenschaftlicher Mitarbei- ter am Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Fit für die Krise? Perspektiven der Regulations- theorie Westfälisches Dampfboot, 2013