Seite 8 | infobrief eu & international 1/2021 SOZIALE UNGLEICHHEIT IN EUROPA – SCHWERES ERBE UND NEUE AUFGABEN! Die verschiedenen Dimensionen sozialer Schieflagen und mitunter Ungerechtigkeiten sind kein neues Phänomen, sie rücken im Zuge der Corona-Pandemie nur deutlicher ins Blickfeld. Die Krise bietet eine Chance für progressive Veränderungen in der Politikgestaltung, birgt aber auch ein erhebliches Risiko für sozialen Rückschritt. Die andauernde weltweite Gesundheits- und Wirtschaftskrise ist am besten Weg, die (be- scheidenen) Fortschritte der letzten Jahre zu- nichte zu machen und die soziale Schere zwi- schen den EU-Staaten, aber auch innerhalb der Mitgliedsstaaten, weiter zu öffnen. Das im 5–Präsidenten-Bericht1 2015 angestrebte vorbildliche „Triple-A“ im Sozialbereich rückt damit in weite Ferne. Sowohl von Seiten der Politik, als auch von Sozial- und Wirtschafts- forschungsinstituten werden die Stimmen lauter, in Standardreports (z.B. Employment and Social Developments in Europe) auch auf die bestehenden Schieflagen und die drohenden sozialen – möglicherweise gene- rationenübergreifenden – Verwerfungen dezi- diert und prominenter hinzuweisen. Zentrifugale Kräfte bändigen? Die Corona-Pandemie trifft besonders die- jenigen hart, die schon davor zu vulnerablen Gruppen gezählt haben: junge und ältere Menschen, Frauen, Geringqualifizierte und Menschen in prekären Arbeitsverhältnis- sen.2 In Anbetracht der Corona-Pandemie wird nun – angesichts der unvorstellbaren Dimension und Persistenz von Herausfor- derungen – auch über Armut, Arbeitslosig- keit, Ausgrenzung, Abstiegsängste, Versor- gungslücken und über die sozialen Folgen der Klimakrise debattiert. Dieser „neue“ Diskurs kann mitunter als Fortschritt gese- hen werden. Will man all diese Herausfor- derungen adäquat adressieren, braucht es kohärente, nachhaltige und quantitativ her- zeigbare Initiativen in den Mitgliedsstaaten und auf europäischer Ebene. Instrumente wie die Aufbau- und Resilienzfazilität3 kom- men diesen Ansprüchen schon nahe, aber es braucht deutlich mehr Anstrengungen, um die zentrifugalen Kräfte in sozialen Fra- gen zu bändigen. Große Hoffnungen bei der Bewältigung der immensen Herausforderungen der Coro- na-Pandemie liegen auf den bereits eingelei- teten, progressiven Initiativen der EU-Kom- mission im Rahmen der Europäischen Säule Sozialer Rechte, aber beispielsweise auch ganz konkret auf dem Sozialgipfel4 im Mai 2021, der unter Führung der portugiesischen EU-Ratspräsidentschaft abgehalten werden wird. Hier soll fortgesetzt werden, was schon unter dem ehemaligen Kommissionspräsi- denten Juncker begonnen hat: Die Stärkung der sozialen Dimension in Europa. Im Folgenden werden nur Ausschnitte der Herausforderungen und Dimensionen der sozialen Frage in Europa thematisiert und Lösungsansätze skizziert. Aber alleine diese analytischen Fragmente machen sichtbar, dass es höchste Zeit ist, die sozialpolitische Agenda glaubwürdiger als in der Vergangen- heit voranzutreiben. Arbeitsbedingungen Die Qualität der Arbeit hat maßgeblich Ein- fluss auf das Wohlbefinden, die Gesundheit und den materiellen Wohlstand, weshalb Von Gloria Gruber und Adi Buxbaum Triple-A im Sozialbereich in Europa in weiter Ferne. Wird die sozialpolitische Agenda künftig glaubwürdiger vorangetrieben?