70 wohnenden Menschen darzustellen und sie mit Leistungen des Staates und der Privatwirtschaft zu vergleichen. Zum einen sollte damit die Zeit- und Einkommensökonomie dargestellt werden, die der, wie es Marilyn Power (2004) nennt, gesellschaftlichen Versorgung (social provisioning), also der Wohlfahrt der in Basel lebenden Menschen zugrunde liegt. Der Gesichtspunkt in diesem Unter- kapitel ist weniger wie in der Studie BASS ein verteilungspolitisches Interesse, sondern mehr ein Erkenntnisinteresse, wie nämlich die Wohlfahrt der Menschen in Basel produziert wird, von wessen bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten sie abhängt und welche ökonomische Bedeutung der Staatshaushalt dabei hat. Die Größenordnungen sind erstaunlich (s. dazu Anhang Tab. 1-3): Die Pflege- und Betreuungsarbeiten in Haushalten, inklusive Leistungen der Haushalte an Bekann- te und Verwandte außerhalb des Haushaltes betragen mehr als die Einnahmen des Kantons aus den Einkommenssteuern der Haushalte. Allein der Wert der ohnehin zu klein eingeschätzten Be- treuungs- und Pflegearbeit (s. dazu Basler Studie S.118) von Frauen in Haushalten ist größer als die Einnahmen des Kantons Basel-Stadt – ein Zentrum der schweizerischen Pharmaindustrie! – aus den Ertragssteuern der Privatwirtschaft. Die wesentlich umfangreichere Hausarbeit ist dabei noch nicht eingerechnet. Der Wert der Betreuungs- und Pflegearbeit ist auch größer als die gesam- ten Personalkosten von Spitälern. Diese Größenrelationen zeigen nicht nur, wie viel Frauen an Be- treuungs- und Pflegearbeit gegenüber Kindern und pflegebedürftigen Erwachsenen schon nur in Haushalten (ohne Hilfeleistungen außerhalb des eigenen Haushaltes) leisten, sondern auch, wel- che finanziellen Anstrengungen es bräuchte, um nur einen Teil der Pflege- und Betreuungszeit von Frauen durch staatliche Leistungen zu ersetzen. Mindestens der Beitrag von Frauen und Männern an das Aufziehen der Kinder und die Betreuung pflegebedürftiger Personen und ein Teil der unbezahlten Hausarbeit können (sollten!) von ihrer ö- konomischen Funktion her als service public oder als Realsteuer betrachtet und deshalb mit Steu- ereinnahmen des Staates verglichen werden. Der enorme Beitrag der Frauen durch ihre unbezahl- ten Dienstleistungen gegenüber betreuungs- und pflegebedürftigen Personen steht in keinem Ver- hältnis zu ihrem Einfluss auf öffentliche Finanzen. Da in den Erhebungen zu unbezahlter Arbeit die Größenordnungen verschiedener Tätigkeiten (z.B. Zeitaufwand fürs Mahlzeiten zubereiten, Kinder begleiten, oder mit Kindern Hausaufgaben machen und spielen) unterschieden wird, konnten auch ähnliche Tätigkeiten im bezahlten und unbezahlten Sektor miteinander verglichen werden. Frauen können von Kinderbetreuungsarbeit in der Familie nicht entlastet werden, wenn nicht ein entsprechendes Angebot im bezahlten Sektor (Markt, Staat) oder unbezahlt in andern Institutionen angeboten wird. Fertigmahlzeiten nützen ihnen bezüglich der Kinderbetreuungstätigkeit wenig. Technische Entwicklungen (z.B. die Produktion von Fertigmahl- zeiten) und entsprechende Angebote außerhalb der Haushalte können Frauen (und Männer) nur von bestimmten unbezahlten Arbeiten entlasten. Es braucht also Vorstellungen über die zeitöko- nomische Bedeutung verschiedener unbezahlter Tätigkeiten. Unbezahlte Tätigkeit sind, wie die Ta- belle 1 im Anhang zeigt, zudem sehr geschlechtsspezifisch verteilt. Die Männer arbeiten nicht nur weniger unbezahlt, ihre unbezahlten Arbeiten sind anders zusammengesetzt als diejenigen der Frauen. Die Spezifizierung der Tätigkeiten in Haushalten und der Angebote durch den Staat oder die Privatwirtschaft erlauben genauere Analysen des Zusammenhangs zwischen öffentlichen Aus- gaben und Auswirkungen auf die unbezahlte Arbeit und auf die Geschlechterverhältnisse. Die Basler Berechnungen zeigen auch, dass der Pro-Kopf-Aufwand für unbezahlte Arbeit sehr un- gleich verteilt ist, nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch zwischen Frauen mit und ohne Kinder unter 15 Jahren. Frauen mit Kindern unter 15 Jahren machten im Jahr 2000 9,5% der Basler EinwohnerInnen (15 Jahre alt und mehr) aus. Sie verrichteten im Jahr 2000 rund 22% der gesamten Hausarbeiten und 54% der Betreuungsarbeit im eigenen Haushalt. (Basler Studie S. 121) Staatliche Ausgabenstreichungen im Bereich der Kinder- und Erwachsenenbetreuung treffen also ein bestimmtes Segment von Frauen besonders stark.