Erwerbstätigkeit von SchülerInnen in Wien IV. Befragung von Lehrpersonen und SchulpsychologInnen Um eine ExpertInnensicht auf zentrale Befunde der empirischen Erhebung bei Wiener SchülerInnen zu erhalten, wurden SchulvertreterInnen der verschiedenen Sparten sowie VertreterInnen der Schulpsychologie/Bildungsberatung mittels leitfadengestützter Interviews befragt. Die Kontakte wurden überwiegend durch den Stadtschulrat für Wien bereitgestellt. IV. 1 Einschätzung des Ausmaßes und der Motivlagen zur Erwerbsarbeit aus der Perspektive der Befragten Die befragten PädagogInnen und BeraterInnen sind von dem mittels der quantita- tiven Befragung ermittelten Ausmaß der Erwerbsarbeit von SchülerInnen während des Semesters eher wenig überrascht. Die meisten hatten bereits viele Hinweise darauf aus dem Kontakt mit SchülerInnen und LehrerInnen. Nur zwei Schulleitun- gen einer technischen sowie einer kaufmännischen BMHS sowie ein/e befragte/r LehrerIn an einer AHS hätten den Anteil nicht so hoch geschätzt, wenngleich Ihnen das Phänomen selbst gut bekannt war. Auch bei der Einschätzung der Motivlagen auf Seiten der SchülerInnen widerspre- chen sich die Beobachtungen der befragten PädagogInnen und BeraterInnen nicht, wobei doch verschiedene Aspekte betont werden. So wird fast durchgängig darauf verwiesen, dass an erster Stelle der pekuniäre Aspekt, die Ermöglichung von Konsum steht. Vor allem für Dinge, die als Statussymbole fungieren (Handy, MP3-Player, Kleidung, evt. Schmuck und teilweise Autos), aber auch für die „all- täglichen Konsumgewohnheiten“ beim Ausgehen (Kino, etwas Essen und Trinken gehen) bräuchten junge Erwachsene heute eigenes Geld. Diese Dinge sind wichtig „für ein gutes Leben“, um „dabei zu sein“; mehrere Befragte schätzen sie als un- verzichtbar für junge Leute ein. Zugleich wird mehrfach ein relativ hohes „Kon- sumniveau“ beobachtet. Aufgrund dessen wird hier auch von einem großen Druck gesprochen, auf dem unter Jugendlichen „normalen“ Konsumniveau mitzuhalten, sich unter Gleichalt- rigen zu behaupten, sich nicht als „arm“ zu zeigen und zu besitzen, was die ande- ren auch haben. Besonders von Seiten der Schulpsychologischen Beratung, aber auch von Seiten der meisten befragten LehrerInnen und SchulleiterInnen wird hier durchaus eine „finanzielle Enge“ oder gar „Not“ als Motiv für die Erwerbsar- beit von SchülerInnen beobachtet. Dabei geht es nur in Einzelfällen um Existenz- sicherung, im Allgemeinen aber um das Mithalten auf Konsumniveau; „sie brau- chen das Geld, um den Standard zu halten, der dem Durchschnitt entspricht“. Nach den Erfahrungen sei es besonders unter Kindern mit Migrationshintergrund, vielfach auch bei Kindern aus getrennten Elternhäusern oft nicht der Fall, dass die Eltern das dafür nötige Taschengeld zur Verfügung stellen können. Ein/e weitere befragte/r SchulvertreterIn (einer humanberuflichen Schule) sieht in diesem Zusammenhang auch einen breiten gesellschaftlichen Druck, der weit über den Bereich des Konsumniveaus hinausgeht. Medien, Lehrkräfte, Arbeitgeber vermittelten einen Trend: „Weltfremdheit ist out, nur gelernt zu haben, nur auf der Schule gewesen zu sein. Außerschulische Qualifikation ist gefragt … sie wer- den sehr ins Erwachsensein hineingepresst, sie müssen schon beweisen, dass sie gearbeitet haben, dass sie auch intellektuell sind, dass sie Sprachen können“. Andererseits sei „die große Welt“ der „realen Arbeit“ auch attraktiv für SchülerIn- nen. Gerade bei fachspezifischen Tätigkeiten, die mit dem Ausbildungsbereich in Zusammenhang stehen, lernen sie die realen Arbeitsbedingungen kennen und bekommen dadurch auch Anerkennung. öibf 35