Arbeit&Wirtschaft 11/2006Hintergrund 14 pro Stunde, so liegt es heute bei etwa 20 bis 22 Euro. Immer mehr, vor allem Frau- en und ältere Arbeitnehmer, sind aber be- reit, auch um die Hälfte zu arbeiten. Typisch atypisch Prekäre Arbeitsverhältnisse, die von Un- sicherheit und niedrigem Entgelt geprägt sind, gibt es in allen Sparten. Im Handel sind die Vollzeitbeschäf- tigten bereits die Ausnahme, es überwie- gen Teilzeit, Geringfügigkeit und Son- derformen der »Arbeit auf Abruf«. Freie Dienstverträge gibt es zunehmend für Büroberufe – mit zeitlicher Anwesen- heitspflicht und mit voller organisato- rischer Einbindung in den Betrieb. Auch viele Karenzvertretungen arbeiten mit freiem Dienstvertrag, in sozialen Einrich- tungen werden BeraterInnen zunehmend nicht mehr fix angestellt. Im öffentlichen Dienst wird immer mehr »ausgelagert«, viele werden nur mehr auf Zeit beschäf- tigt. »Es sind alle Berufe betroffen«, be- tont Rolzhauser. »Mehr als die Hälfte müsste eigentlich einen ›normalen‹ Dienstvertrag haben. Meist sind es reine Umgehungsverträge, um die Kosten und Risiken zu den Arbeitnehmern und Ar- beitnehmerinnen zu verlagern.« Unklarheiten und Begriffsverwir- rungen bei den Verträgen sind an der Ta- gesordnung. Häufig setzen Firmen Mit- arbeiterInnen unter Druck, – bei völlig identischem Tätigkeitsbereich – ihr der- zeitiges Angestelltenverhältnis zugunsten eines freien Dienstvertrages zu lösen. Viele Arbeitgeber bezeichnen ihre aty- pischen Beschäftigungsverhältnisse in ein und demselben Schriftstück einmal als Werkvertrag – ein andermal als freien Dienstvertrag. Den ArbeitnehmerInnen ist nicht klar, unter welchen Bedingungen sie überhaupt arbeiten oder wollen ihren Vertrag überprüfen lassen. Minimierungsrecht »Die Frage ist, wofür man entlohnt wird«, berichtet Rolzhauser. »Ein freier Dienst- vertrag ist ein so genanntes Dauerschuld- verhältnis, das meist nach Stunden ent- lohnt wird. Im Gegensatz zum Werkver- trag, der ein ›Zielschuldverhältnis‹ begründet. Hier ist man selbständig tätig und schuldet ein bestimmtes Werk oder eine Leistung.« Nähere Informationen dazu in der vom ÖGB-Beratungsbüro herausgegebenen Broschüre »BIST DU A-TyPISCH?«. Zu beziehen in der Flex- power-Beratung, Wipplingerstraße 33, Telefon: 01/534 44-405. Solange die »Chemie« zwischen Auf- traggeberIn und -nehmerIn stimmt, ist meist alles in Ordnung. Bei Unstimmig- keiten aber haben die Auftragneh- merInnen das Nachsehen. »Wenn nicht genau beschrieben ist, worin das abzuge- bende Werk besteht, können riesige Pro- bleme auftreten. Der Auftraggeber hat das ›Minimierungsrecht‹: Er kann weni- ger oder gar nichts bezahlen, wenn er mit der Leistung nicht zufrieden ist.« Der EDV-Spezialist Richard M., seit Firmenschließung selbständig, weiß was es heißt, mehrere Nachtschichten gratis zu arbeiten, um das ursprünglich verein- barte Honorar zu bekommen. Er hatte für den Auftraggeber eine umfangreiche Kundendatei erstellt. Tage nach Abgabe des Werkes forderte der Auftraggeber ei- ne mühsame Nachbearbeitung, weil ein kleiner Fehler aufgetreten war. Ob die Ursache beim Ersteller der Datei oder den fixen Firmenmitarbeitern lag, wurde nicht geklärt. work@flex Auch die Gewerkschaft der Privatange- stellten hat das Thema »atypische Be- schäftigung« bereits vor Jahren aufgegrif- fen und ein Netzwerk für atypisch Beschäftigte eingerichtet: Die GPA-In- teressengemeinschaft work@flex bietet gezielte Serviceleistungen an und versteht sich als politische Interessenvertretung. Die wichtigsten Forderungen sind die Gleichstellung im Arbeits- und Sozial- recht und die Mitbestimmungsmöglich- keiten auf betrieblicher und kollektivver- traglicher Ebene. Dazu zählt etwa die Möglichkeit zur Betriebsratswahl in den Fällen, wo atypisch Beschäftigte von nur einem Auftraggeber abhängig sind. »Auch atypisch Beschäftigte sollen Betriebsräte wählen können oder selbst zum Betriebs- rat gewählt werden können«, fordert Clemens Miniberger von work@flex in der GPA. Mehr dazu unter www.interesse.at. Europaweit ist bereits vom »neuen Prekariat« die Rede. Immer mehr Men- schen leben in prekären Lebenssituati- onen, die von unsicheren Jobs, Dauer- praktika und Selbstausbeutung geprägt sind. »Neue Selbständige und freie DienstnehmerInnen brauchen eine fi- nanzielle Absicherung bei Arbeitslosigkeit so wie die unselbstständig Beschäftigten sie haben«, meint Rolzhauser. Die verpflichtende Einbeziehung der beiden Beschäftigtengruppen in die Arbeitslosenversicherung und Einfüh- rung eines Krankengeldes sind daher die wesentlichen Forderungen von ÖGB und AK im Bereich atypischer Beschäf- tigung. Seit vielen Jahren ist die atypische Beschäftigung ein Schwerpunkt des ÖGB. »Ich leide darunter zu sagen, wir kümmern uns ‚jetzt verstärkt’ um diese Gruppe«, sagt Elisabeth Rolzhauser, Leiterin des ÖGB-Bera- tungsbüros. »Schließlich arbeiten wir schon seit geraumer Zeit in diesem Bereich und haben schon einiges erreicht.« ÖG B- Ar ch iv