Arbeit&Wirtschaft 11/2006Meinung 20 Corporate Social Responsibility: Etikett ohne Inhalt Dass man »mit guten Taten gutes Geld verdienen kann« ist die saloppe, aber ehrliche Schlussfolgerung zur sozialen Verantwortung von Unternehmen. W as als soziale Wohltat daher-kommt, entpuppt sich bei ge-nauerem Hinsehen allerdings als geschickte Deregulierungs- initiative: »Gerade in Deutschland mit unserer hohen Regulierungsdichte müs- sen wir aber den Mut haben, uns gegen neue CSR-Bestimmungen auszuspre- chen. Was wir brauchen, sind Innovati- onen und freiwilliges Engagement und nicht zusätzliche Vorschriften und Kos- ten« (E. Voscherau in Handelsblatt vom 25. 9. 2005). Corporate Social Responsibility (CSR) ist eine einseitig vom Management formulierte und konzipierte Absichtser- klärung, nach der ein verantwortungs- volles Unternehmen die Auswirkungen seiner Aktivitäten auf die Gesellschaft zu beachten hat. Solche unilateralen und auf Freiwilligkeit basierenden Erklärungen werfen die Frage nach unabhängiger Kon- trolle und der Glaubwürdigkeit derartiger Selbstverpflichtungen auf. Nicht so ernst So stellt sich z. B. die Frage, warum die Essentials zur sozialen Verantwortung des Unternehmens gegenüber den Beschäf- tigten nicht mit ihnen und der dafür zu- ständigen Gewerkschaft ausgehandelt wurden. Der freiwillige Charakter von CSR legt den Verdacht nahe, dass man es mit der Teilhabe der Betroffenen, der kor- rekten Implementierung und dem unab- hängigen Monitoring nicht so ernst nimmt. Das führt schließlich dazu, dass CSR doch eher als unverbindliche Good- Will- und PR-Übung denn als seriöser Versuch sozialer Verpflichtung verstan- den wird. Dies wird bestätigt durch den sehr allgemeinen bis nichtssagenden In- halt der Dokumente. Die dort formulier- ten »Selbstverpflichtungen« beinhalten in ihrer Substanz nichts anderes als Prin- zipien kaufmännischer Klugheit und hu- manitäre Selbstverständlichkeiten. Zynismus Das Bekenntnis eines global aktiven Un- ternehmens, die nationale Rechtspre- chung und Gesetze in den jeweiligen Nie- derlassungen einzuhalten, ist in vielen Ländern der Welt nicht nur wertlos, son- dern grenzt bei Staaten wie zum Beispiel China, Russland oder Indonesien an Zy- nismus. Die prominenten Fälle sind viel- fach dokumentierte. Gerade die sozialen Folgen der Outsourcing-Politik von Mul- tis, ihr Verhältnis zu den Rohstoffliefe- ranten und die sozialen Bedingungen in der Lieferkette insgesamt können durch keine noch so wohlfeil formulierte CSR- Broschüren gerechtfertigt werden. Die CSR-Positionierung eines Unter- nehmens schafft noch ein zusätzliches Problem. Dahinter können sich sehr ein- fach repressive Regime – nach innen wie nach außen – verstecken, um so von ih- rer Unfähigkeit und Unwilligkeit abzu- lenken, soziale Mindeststandards umzu- setzen bzw. um notwendige Gesetzge- bung zu verhindern. Antiquierter Paternalismus Kein Zweifel, all dies spiegelt den pre- kären Zustand internationaler Arbeitsbe- ziehungen, Sozialstandards und wirt- © P la ßm an n KommentarKommentar Von Wolfgang WeinzProjek­t-Koordinator, IUL*) { *) Die Internationale Union der Lebensmittel-, Landwirtschafts-, Ho- tel-, Restaurant-, Café- und Genussmittelarbeiter-Gewerk­schaften (IUL) ist ein internationaler Gewerk­schaftsbund, dem 359 Gewerk­- schaften aus 125 Ländern mit insgesamt mehr als 2,8 Millionen Mitgliedern angehören. Sie hat ihren Sitz in Genf, Schweiz.