Arbeit&Wirtschaft 11/2006Meinung 22 Arbeit&Wirtschaft: Kann man Sie als den Erfinder der Flexicurity bezeich- nen? Poul Nyrup Rasmussen: Ja, ich glaube schon. Denn während meiner neunjäh- rigen Zeit als Premierminister meines Landes haben wir diese Reformen auf dem Arbeitsmarkt durchgeführt, in Kom- bination mit einer Politik des hohen Wachstums. Das hat immense Resultate hervorge- bracht, wie man sehen kann. Wir haben die Arbeitslosigkeitsrate von rund 12,5 Prozent bei meinem Amtsantritt als Pre- mierminister im Januar 1993 auf vier Komma etwas bei meinem Abschied im November 2001 gesenkt. Warum wurden sie nicht wieder ge- wählt, wenn Sie so erfolgreich waren? In allererster Linie aufgrund von Diskus- sionen über die Migrationspolitik und fremdenfeindlichen Diskussionen, wie man sie vielerorts gesehen hat. Hatte die zunehmende Fremdenfeind- lichkeit nicht mit dem Flexicurity- Modell zu tun? Überhaupt nicht, im Gegenteil. Die Menschen in meinem Land sind stolz auf diese Reformen, und wir sehen, dass die Sozialpartner im Arbeitsmarkt sie wirk- lich beschützen. Wenn man statistische Daten vergleicht, sieht man, dass wir hier soziale Sicherheit in einer modernen Weise mit Mobilität auf dem Arbeits- markt vereinen. Es ist nicht entweder Flexibilität oder soziale Sicherheit, son- dern beides zusammen. Das ist das Einzigartige daran. Auf der einen Seite haben wir also den amerikanischen und angelsächsischen »Hire-and-fire« Ansatz. Was haben wir auf der anderen Seite? Wir haben vier Systeme in Europa: das dänisch-skandinavische Flexicurity-Mo- dell, das einen starken Wohlfahrtsstaat und zwei verantwortungsvolle Sozialpart- ner auf dem Arbeitsmarkt voraussetzt. Es gibt ein starkes Wechselspiel zwischen den Behörden und dem Einzelnen mit den vertraglichen Rechten und Pflichten wie Bildung, Qualifikation, Jobangebote, usw., wie ich sie beschrieben habe. Auf der anderen Seite haben Sie das britische System, das keine Kopie des amerikanischen Modells ist, sondern ein ganz besonderes. Dann gibt es das kontinentale Sys- tem – Deutschland, Frankreich und an- dere –, und schließlich noch die neuen Mitgliedsländer, die man nicht vergessen darf. Flexibilität ist nur die halbe Antwort Wenn es um Modelle zur Bekämpfung der europaweit hohen Arbeitslosigkeit geht, ist gegenwärtig »Flexicurity« in aller Munde. Das neue Zauberwort der Beschäftigungspolitik stand auch auf der Prioritätenliste der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft ganz oben. »Arbeit&Wirtschaft« sprach darüber mit dem ehemaligen dänischen Premierminister Poul Nyrup Rasmussen. Poul Nyrup Rasmussen, 62, war von 1993 bis 2001 Premierminister Dänemark­s. Der Politologe ist gegenwärtig Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzen- der der Sozialdemok­ratischen Partei Euro- pas (SPE). Z U R P E R S o N Ein Kunstwort, das sich aus dem englischen Wörtern »flexibility« (Flexibilität) und »se- curity« (Sicherheit) zusammensetzt. Es bezeichnet die Idee, mehr Flexibilität auf dem Arbeitsmark­t mit sozialer Sicherheit zu verbinden. F L E x I c U R I T y »Wenn wir uns fragen, was das künftige europäische Sozialmodell sein soll, und wenn wir das mit der Globa- lisierung und ihren Heraus- forderungen vergleichen, dann sollte es meines er- achtens auf dem Flexicurity- Denken beruhen.«