Arbeit&Wirtschaft 11/2006 Bücher 25 Dem flexiblen Kapitalismus und seinen öko- nomischen, sozialen und kulturellen Im- plikationen sind in den letzten Jahren viele Analysen gewidmet worden. Diese Bestandsaufnahmen verlangen politische Alternativen. In diesem Band wird eine Alternative ins Zentrum gerückt: Wirt- schaftsdemokratie! Ist es möglich, den Wettbewerb von demokratisierten Unternehmen über Märkte auszunutzen? Den bislang nicht realisierten Anspruch einer zentralstaat- lichen Planung zugunsten wirksamer Steuerungsmethoden aufzugeben und da- mit eine sozial und ökologisch verträg- lichere Ökonomie zu schaffen? Entfesselung des Kapitalismus Die kapitalistische Marktwirtschaft ist seit der großen Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre durch mehr oder minder weitreichende sozialstaatliche Absiche- rungen ergänzt worden. Diese Regulie- rungen wurden in den letzten Jahrzehnten in allen kapitalistischen Hauptländern wieder aufgehoben. Die wichtigsten Kon- sequenzen dieser Entfesselung des Kapi- talismus sind die relative Verselbständi- gung der Finanzmärkte, die Verschiebung der Machtbalance zwischen Lohnarbeit und Kapital in den Unternehmen und der Gesellschaft, eine wachsende Zerstörung der Lohnarbeitsgesellschaft sowie die Rückkehr von Massenarbeitslosigkeit und heftigen Finanzkrisen. Durch diese Entwicklung werden zwei Fragen in das Zentrum der poli- tischen Debatte gerückt: Wie konnte es zu dieser folgenreichen Veränderung der Machtverhältnisse zwi- schen Lohnarbeit und Kapital kommen? Und mit welcher wirtschaftspolitischen Reformkonzeption kann ein umfassender Politikwechsel angestrebt und durchge- setzt werden? »In der heutigen Zeit eines gewach- senen Anpassungsdrucks auch gewerk- schaftlicher und sozialdemokratischer Forderungen und Konzepte an den Main- stream des Neoliberalismus scheint die Reaktualisierung von Wirtschaftsdemo- kratie als politische Leitidee fast »revolu- tionär«. Doch in der bestehenden Krise der politischen Repräsentanz lohnt ein Blick zurück. Demokratisierung der Wirtschaft be- zeichnet kein allgemeines Modell, son- dern eine Methode der Politik. Sie defi- niert das übergeordnete politische Ziel und dient zur Entwicklung eines breit vermittelbaren Maßstabs zur Bewertung tagesaktueller Forderungen und Poli- tiken. Politischer Pragmatismus und die Abwehrkämpfe gerade des gewerkschaft- lichen Alltagsgeschäfts werden so strate- gisch diskutier- und verortbar, soziale Kämpfe erhalten einen Fokus über den Widerstand hinaus. In den verschiedenen Beiträgen dieses Bandes geht es um die Frage: Ist die De- mokratisierung der Ökonomie eine Al- ternative zur neoliberalen Totalität von Markt und Profit? Mit der Politik der Deregulierung und Privatisierung wird die Transformation in Richtung leistungs- loser Einkommen verstärkt, die Abwärts- spirale der Ökonomie dreht sich schnel- ler, immer stärker tritt eine Tendenz zur Entdemokratisierung in Erscheinung. Daher: Eine Demokratisierung der Wirt- schaft kann mit einer deutlichen Vermin- derung der Massenarbeitslosigkeit und der Umweltgefährdung die Grundlage für neuen Gesellschaftsvertrag legen. Aktive gesellschaftliche Teilhabe Es geht aber auch um die Frage, wer die TrägerInnen einer Demokratisierung der Wirtschaft sein können, welche Bedeu- tung also den Beschäftigten bei der Um- setzung und Gestaltung von Wirtschafts- demokratie zuwächst. Die neuen Dimen- sionen der Lohnarbeit werden die Frage nach den Entwicklungspotenzialen und der Dynamik dieser Gesellschaftsforma- tion auf. Mit dem Übergang zur flexiblen Massenproduktion und einer entspre- chenden Aufwertung der Subjektivität der unmittelbaren Reichtumsprodu- zenten werden die Grundlagen der bis- herigen Entwicklung in Frage gestellt. Die Struktur der gesellschaftlichen Arbeit war stets eng mit der Herausbildung ei- ner sozialen Ordnung und der dazuge- hörigen Einrichtung (wie etwa der Sozi- alversicherungen) verbunden, die wie- derum das Verständnis von Arbeit und Individualität prägten. Mit der Erosion sozialer Inklusion geht es nicht nur dar- um, dass ein relevanter Teil der Bevölke- rung vom System der gesellschaftlichen Arbeit abgekoppelt wird, sondern auch darum, dass die im System Eingeschlos- senen – egal ob Träger eines Normalar- beitsverhältnisses oder Menschen in pre- kären Arbeits- und Lebensbedingungen – gewandelte Ansprüche an eine aktive gesellschaftliche Teilhabe stellen. Die Kluft zwischen den ökonomisch-sozialen Realitäten und dem Gestaltungswillen der Subjekte wird immer tiefer. In der konkreten Ausgestaltung der Zivilgesellschaft ist ein wachsendes eman- zipatorisches Potenzial eingeschlossen, das sowohl zur realen Ökonomie, der die- ser entsprechenden Sozialstruktur und erst Recht dem politischen Feld in einen sich verschärfenden Widerspruch tritt. Die Anforderung an eine emanzipato- rische Politik besteht darin, diese Poten- ziale freizusetzen. Die Demokratisierung der gesellschaftlichen Arbeit im entfessel- ten flexiblen Kapitalismus bleibt die Grundlage F. K. Wirtschaftsdemokratie Heinz J. Bontrup/Julia Müller u. a.: Wirtschafts- demokratie. Alternative zum Shareholder-Kapi- talismus.148 Seiten, VSA-Verlag, Hamburg 2006, € 12.80, ISBN 3-89965-190-1