Arbeit&Wirtschaft 11/2006 Hintergrund 27 Dienstleister bieten häusliche Pflege ebenso wie Erziehungshilfe an. Sogar der Stephansdom ist zum Werbeträger ge- worden. Das Schlagwort, unter dem die Suche nach immer neuen Wegen erfolgt, um Leistungen marktgängig zu machen, heißt »Geschäftsmodell«. Fernsehsender Was der Markt allerdings nicht zu sichern vermag ist Zugänglichkeit. Über den Markt gesteuerte Fernsehsender schrän- ken das Angebot darauf ein, was als Trä- ger für Werbebotschaften taugt; häusliche Dienstleister verlangen pünktliche Zah- lung, unabhängig von der aktuellen Be- dürftigkeit. Mit der Realisierung von Leistungen über den Markt ist also das Problem der Steuerung des Öffentlichen nicht gelöst. Die Aufgabe, das Öffentliche politisch zu steuern bleibt bestehen, gleichgültig in welcher Form öffentliche Leistungen er- bracht werden – ob im Rahmen staatli- cher Verwaltung, durch öffentliche Ein- richtungen, durch ausgelagerte Instituti- onen, durch Vereine und Verbände oder im Rahmen von Public Private Partner- ship-Modellen, also durch von der öffent- lichen Hand beauftragte marktwirtschaft- liche Unternehmen. Das neoliberale Cre- do »Weniger Staat, mehr privat!« ver- schiebt das Problem bloß. Aufgaben und Organisationen Öffentliche Aufgaben und öffentliche Organisationen, die der Erfüllung dieser Aufgaben dienen, haben sich im Lauf der Geschichte erst allmählich ausdifferen- ziert. Wohl die erste solche Differenzie- rung war die von ziviler und militärischer Verwaltung unter Konstantin im 4. Jahr- hundert. Erst mit dem Investiturstreit im 11. Jahrhundert begannen sich Kirche und Staat zu trennen. Vollzogen wurde diese Trennung erst mit der bürgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts – radikal in der fran- zösischen Revolution mit der Etablierung des Kults der göttlichen Vernunft, auf die Freiheit der Religionsausübung be- schränkt in den USA (»In God We Trust!«), halbherzig in den deutschspra- chigen Ländern – bis heute heißen die für Wissenschaft, Unterricht und Kunst zuständigen Minister in Deutschland »Kultusminister«. Bis in die Neuzeit blieben Universi- täten, Schulen und Krankenanstalten pri- mär kirchliche Einrichtungen, Systeme der sozialen Sicherheit entwickelten sich erst Ende des 19. Jahrhunderts in unter- schiedlichen Formen. Mit der Industrialisierung entstand das Bedürfnis nach öffentlichen Infra- struktureinrichtungen: Post, Transport- wesen, kommunale Versorgungseinrich- tungen für die rasch wachsenden Städte – zunächst alle als private Unternehmen, die um die vorletzte Jahrhundertwende zur Sicherung einer gleichmäßigen Ver- sorgung vom Staat oder den Kommunen übernommen wurden. Daher rührt auch die in unserem Den- ken verwurzelte Gleichsetzung von öf- Dr. Herbert Wabnegg war jahrelang in der AK Wien als politischer Experte, Organisations- entwickler und Manager tätig. Heute arbeitet er als selbständiger Organisationsberater in Wien. Schwerpunkte: Management von NPOs, NGOs und Interessenvertretungen sowie so- ziale Verantwortung von Organisationen. Homepage: www.wabnegg.net