Arbeit&Wirtschaft 4/2008 8 Interview Fische im Datenmeer Peter Weibel, Vorstand des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, analysiert die gläserne Gesellschaft. Z u r p e r s o n Peter Weibel Geboren 1944 in Odessa Künstler, Ausstellungskurator und Kunst- und Medientheoretiker, studierte Literatur, Film, Mathematik, Medizin und Philosophie in Wien und Paris. Professuren an der Hochschule für angewandte Kunst Wien, an Unis in Buffa- lo, Halifax, Kassel 1989–94 Leiter des Instituts für Neue Medien, Städelschule, Frankfurt a. Main 1992–95 künstlerischer Leiter Ars Electronica, Linz. 1993–99 Österreich-Kommissär der Biennale Venedig und künstlerischer Leiter Neue Galerie Graz Seit 1999 Vorstand Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe Arbeit&Wirtschaft: Herr Professor Weibel, Orwells Science-Fiction- Roman vom Überwachungsstaat scheint Wirk- lichkeit geworden zu sein. Statt denun- ziatorischer Nachbarn und altmo- discher Spione gibt es eine ausgeklügel- te Technologie, die uns kontrolliert mit dem Vorwand, uns zu schützen. Ist die überwachte Gesellschaft ein Produkt des 21. Jahrhunderts? Peter Weibel: Sich überwacht fühlen oder nicht ist auch ein innerer Vorgang. Darüber hat sich schon der britische Philosoph Jeremy Bentham, Begründer des ethischen Utilitarismus, mit seinem Gefängnismodell »Panopticon« Gedan- ken gemacht: Von einem zentralen Turm aus konnten alle Insassen beobachtet werden, aber nicht in den Turm hinein- sehen. Da die Gefangenen deswegen nie mit Sicherheit wussten, ob sie tatsäch- lich überwacht werden, wurde hier die tatsächliche Überwachung durch die Möglichkeit des Überwachtwerdens er- setzt. Bentham hoffte, dass die Gefan- genen den Kontrollblick verinnerlichen und so vor Straftaten zurückschrecken würden. Seit den Untersuchungen zur »Disziplinargesellschaft« des franzö- sischen Philosophen Michel Foucault ist das Panopticon zum Synonym für das Arsenal an Überwachungskulturen und -praktiken geworden, die unser heutiges Leben bestimmen. Nur ein Bei- spiel: Wir vermindern die Geschwindig- keit, wenn wir einen schwarzen Kasten am Straßenrand sehen – er könnte eine Radaranlage enthalten, aber: Wir wissen es nicht. Im ZKM Karlsruhe haben Sie eine Aus- stellung zum Thema Überwachung ge- macht mit dem Titel »CTRL« (SPACE). Der Titel ist nur die Abkürzung für Con- trol space. Leute haben sich per E-Mail über den Titel empört. Ich habe geant- wortet: »Sehen Sie doch auf Ihrem Com- puter nach. Sie bedienen ständig diese Taste.« Solche Reaktionen zeigen, dass die Menschen in einem Environment leben, das ihnen gar nicht bewusst ist. Geradeso ergeht es uns mit der Überwa- chung des öffentlichen Raumes durch Satelliten und Computer. Wir leben un- ter unsichtbarer Kontrolle und nehmen sie nicht wahr. Hat die Erfindung des Computers das Tor zur gläsernen Gesellschaft geöffnet?