Arbeit&Wirtschaft 4/2008 45 Buchtipp M arx hatte Unrecht: Die Religionen sind nicht das ›Opium des Volkes‹. Sie sind das Aufputschmittel«, schreibt der Journalist Robert Misik in seinem aktuellen Buch »Gott behüte! Wa- rum wir die Religionen aus der Politik raushalten müssen«. Und Misik sieht das durchaus bedrohlich, denn Religion neu- rotisiert. Sie hetzt Menschen gegeneinan- der auf. Der Zusammenhalt innerhalb einer Gemeinschaft, den die Religionen mit sich brachten, geht viel zu oft mit ei- ner aggressiven Abgrenzung nach außen einher. Denn was hätte den Kriegspar- teien im ehemaligen Jugoslawien sonst als Argument für Kämpfe, Massenmorde und ethnische Säuberungen gedient, wenn nicht die Religionen? »(…) die an- sonsten völlig ununterscheidbaren Südsla- wen waren nur anhand der Kriterien ›ka- tholisch‹, ›orthodox‹ und ›muslimisch‹ über- haupt auseinanderzuhalten.« Ganz so einseitig, wie dieses Beispiel klingen mag, sieht Misik die Sache aber nicht. Zumindest vergisst er nicht, auf das revolutionäre Potenzial der Religionen hinzuweisen. Der zentrale Gedanke von Juden- und Christentum, dass alles ein- mal besser werden wird – dass der Mes - sias kommen wird –, sei die »Urszene des demokratischen Fortschrittsglaubens«. Als Positivbeispiele führt Misik latein- amerikanische Freiheitstheologen an, aber auch Organisationen wie die Cari- tas, die als soziales Korrektiv notwendig sind. Auf der anderen Seite sei aber das Christentum schon früh von der Religi- on der Armen immer mehr zur Herr- schaftsreligion geworden – und religiöse Argumente sprachen für das Akzeptieren der Herrschaft: Was soll ich versuchen, an den Verhältnissen etwas zu ändern, wenn im Jenseits ohnehin die Erlösung auf mich wartet? »Sieht man sich die Ge- schichte der meisten Freiheitsbewegungen an, dann waren es jedenfalls meist die se- kulären Kräfte, die sich mit dem Unrecht der Welt nicht abfinden wollten, während die Gläubigen in der überwiegenden Mehr- zahl ihr Heil im Gebet suchten – ganz ab- gesehen davon, dass sich meist eine Bibel- stelle fand, die die Eroberung eines Landes, die Unterdrückung der Frauen oder die Beibehaltung der Sklaverei legitimierten.« Wasser predigen, Wein trinken Man brauche keinen Gott, um Gutes zu tun, meint der studierte Philosoph Misik. Er kritisiert, dass die Religiösen, die hohe Moralvorstellungen haben, sich selten darauf beschränken, diese zu leben. Nein, sie wollen auch, dass sie für alle gültig sind – und das am besten per Gesetz. In der Diskussion darüber beanspruchen sie eine Sonderrolle: Bei allen Themen mei- nen sie, Experten zu sein (Warum halten sich eigentlich gerade zölibatäre Pfarrer als Experten für Sexualmoral?), greifen polemisch in jede gesellschaftliche De- batte ein. Wird darauf ebenso polemisch oder scharf reagiert, sind sie beleidigt und sehen ihre »religiösen Gefühle« verletzt. Aber: »Hat man schon jemals von poli- tischen Akteuren gehört, die beklagten, die Argumentation ihrer Gegner würde ihre ›gewerkschaftlichen Gefühle‹ verletzen oder ihre ›liberalistischen Überzeugungen‹ nicht respektieren?« Die Politik geht den Reli- gionsgemeinschaften dabei immer öfter in die Falle. Gibt es soziale Spannungen, wird zum Dialog der Religionen einge- laden. Damit werde das Religiöse über- betont, »der weltanschaulich neutrale Staat fördert so eine Dynamik, die er eigentlich entschieden bekämpfen müsste«. Misik schließt: »Gott schütze uns vor der Renaissance der Religionen.« Autor: Florian Kräftner Mitarbeiter des Pressereferats im ÖGB Gott beh?te! Der Journalist und Buchautor Robert Misik meint, dass Religion auch Positives bewirkt hätte. Jetzt wäre es aber an der Zeit, sich aus der Politik herauszuhalten. k o n t a k t Schreiben Sie uns Ihre Meinung an den Autor florian.kraeftner@oegb.at oder die Redaktion aw@oegb.at B u c h t i p p s Robert Misik: Gott behüte! Warum wir die Religionen aus der Politik raushalten müssen. Ueberreuter Verlag, 192 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8000-7296-5 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstraße 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 E-Mail: fachbuchhandlung@oegbverlag.at