Arbeit&Wirtschaft 4/2010Gesellschaftspolitik 42 B ei »Bologna« denken viele an ita- lienisches Großstadtflair, gemüt- lich einen Espresso trinken und dergleichen. Beim Großteil der Studierenden löst aber dieses Wort mitt- lerweile keine Assoziationen mit ent- spann ter Urlaubsatmosphäre aus, ganz im Gegenteil: Überfüllte Hörsäle, über- frachtete Studienpläne, geringe Wahl- möglichkeiten, Anrechnungsprobleme bei Studienwechsel, weniger Gelegen- heiten für ein Auslandsstudium, Zu- gangshürden und Studiengebühren lau- teten die wichtigsten Kritikpunkte an der »Bologna«-Hochschulreform, die schließ- lich im Herbst des Vorjahres zu Studie- rendenprotesten in Österreich und ande- ren EU-Ländern führte. Hehre Ziele für die Hochschulen Im Jahr 1999 fiel der Startschuss, um ei- nen gemeinsamen europäischen Hoch- schulraum zu schaffen. Der Begriff »Bologna-Prozess« bezieht sich auf eine gemeinsame Erklärung von 29 Bildungs- ministerInnen in der gleichnamigen Stadt. Hauptziele waren die Förderung von Auslandsstudien, größere internatio- nale Wettbewerbsfähigkeit der Hoch- schulen und höhere »Beschäftigungsfä- higkeit« der AbsolventInnen. Erreicht werden sollten diese im Wesentlichen durch die Vereinheitlichung der Studi- enstruktur auf Bachelor-, Master- und Doktoratsabschlüsse, die Anrechnung von Studienleistungen über »Kredit- punkte« sowie die Erhöhung der Mobi- lität von Studierenden und Lehrenden. Die »Bologna«-Staatenliste be- schränkt sich mittlerweile längst nicht mehr auf den EU-Raum: Bei der Jubilä- umskonferenz im März 2010 wurde Kasachstan als 47. Teilnehmerland auf- genommen. Die Ziele wurden im Lauf der Zeit präzisiert und erweitert, z.B. hin- sichtlich der »sozialen Dimension«. Der Bologna-Prozess ist für Arbeitneh- merInnenorganisationen vor allem unter dem Gesichtspunkt der Bildung und Hö- herqualifizierung von (künftigen) Er- werbstätigen von Be deutung. »Wunderkur Bologna?« In Österreich wurden sehr rasch die ge- setzlichen Voraussetzungen für die Um- stellung der Universitätsstudien geschaf- fen. Angesichts vielfältiger Probleme mit dem alten Studiensystem wurde »Bolo- gna« oft als eine Art »Wunderkur, die al- le Leiden auf einmal heilen soll«, darge- stellt. Bis Ende der 90er-Jahre gab es nur ein zweigliedriges Studiensystem, näm- lich mindestens achtsemestrige Diplom- sowie darauf folgende Doktoratsstudien. Im Unterschied zu angelsächsischen Län- dern, die über eine dreigliedrige Studien- architektur verfügten und viele ver- gleichsweise junge Bachelor-Absolven- tInnen aufwiesen, war hierzulande ein akademischer Erstabschluss mit dem Ti- tel »Magister/Magistra bzw. Diplom-In- genieurIn« vielfach erst nach über fünf Jahren möglich. Dies hatte nicht nur ei- nen sehr späten Einstieg in den Arbeits- markt zur Folge. Für viele Arbeitneh- merInnenfamilien war die Finanzierung von so langen Studienzeiten eine große Belastung, eine stärkere Erwerbstätigkeit der Studierenden selbst verlängerte oft die Zeit bis zum Abschluss oder führte letztendlich zum Studienabbruch. Bei der legistischen Umsetzung ab 1999 wurden daher die Ziele wie Ver- gleichbarkeit der Abschlüsse, kürzere Stu- diendauer oder mehr Durchlässigkeit grundsätzlich begrüßt. Es wurde aber schon damals auf eine Reihe von ungelös- ten Problemen hingewiesen, die in der aktuellen Debatte eine zentrale Rolle spie- len. So hat die AK darauf aufmerksam gemacht, dass bei einem stärker regu- lierten Studium gute Studienbedingungen zentral sind, da es sonst zu noch mehr unnötigen Warteschleifen (z. B. aufgrund von zu wenigen Übungsplätzen) kommt. Gleiches gilt für die Vereinbarkeit von Studium und Beruf. Bei stärker struktu- rierten Angeboten mit vermehrter Anwe- senheitspflicht braucht es ein spezielles Angebot für erwerbstätige Studierende. Besonders eingemahnt wurde auch die Sicherstellung der Arbeitsmarktakzeptanz der Bachelor-AbsolventInnen. Umsetzungsprobleme An den Hochschulen begannen einzelne Studienrichtungen bald mit den Umstel- lungsverfahren auf sechs- bis achtsemes- trige Bachelor- und zwei- bis viersemes- trige Masterstudien. Parallel dazu gab es jedoch weitere gravierende Änderungen. Diese resultierten vor allem aus der großen Universitätsreform 2002, bei der die Autorin: Mag. Martha Eckl Hochschulexpertin der AK Wien Abteilung Bildungspolitik Besser mit ?BolognaÇ Anlässlich zehn Jahre Bologna-Prozess an den Unis trafen sich die zuständigen MinisterInnen in Wien, viele Studierende sahen wenig Grund zum Feiern.