Arbeit&Wirtschaft 11/2010Schwerpunkt 28 Der Gipfel der Heuchelei Langsam setzt sie sich durch, die Erkenntnis, dass die Einkommensschere immer weiter auseinanderklafft. W enn amerikanische Banken«, so schreibt der Technikphilosoph Klaus Kornwachs, »die in der Finanzkrise durch Steuergelder vor der Insolvenz gerettet wurden, da- nach in Summe mehr Boni an ihre Ma- nagerInnen auszahlen, als sie Gewinn nachweisen können, dann kann man sich des Verdachts nicht erwehren, dass sich hier ein Belohnungssystem verselbststän- digt hat, das ein ganz bestimmtes wirt- schaftliches Verhalten bevorzugt.«1 Die ordoliberalen Einwände nach Hayek, Friedman und Konsorten, dass nämlich einem Filmstar oder einem Fuß- baller die teilweise astronomischen Ge- hälter nicht geneidet werden, treffen im- mer weniger zu. Die Einkommensschere zwischen ArbeitnehmerInnenentgelt und dem Einkommen aus Privatvermö- gen und Unternehmen ist in den letzten zehn Jahren eklatant und unerträglich auseinandergeklafft. Der Versuch, eine ethische Debatte über die Dimension der horrenden Gehaltsunterschiede zu füh- ren, wird von deren BefürworterInnen gerne mit dem Hinweis auf die »Leis- tung« ausgeklammert. Leisten Manager 300 mal soviel? Dass manche Menschen mehr leisten, als andere, soll hier nicht angezweifelt wer- den, doch ob es möglich ist, dass ein Ma- nager das mehr als 300-fache mehr leistet als eine einfache Arbeiterin, kann berech- tigter Anlass zu heftiger Diskussion sein. Mit Kant zum Beispiel kann man gut argumentieren, dass es bei der Bewertung menschlicher Handlungen auf ihre nor- mative Richtigkeit nicht ausreichend ist, auf der Ebene der Gesetze und Verträge zu bleiben, sondern darüber hinausge- hende Blickwinkel, die im kategorischen Imperativ verdeutlicht werden und seit- dem vielfach weiterentwickelt wurden, anzuwenden sind. Im Gegensatz dazu ist schwer zu erklären, warum verantwor- tungsvoll und kompetent ausgeführte Tätigkeiten in anderen Berufsfeldern so viel weniger wert sein sollen. Auch der kleine Dieb wird verurteilt Dass es immer noch höhere Summen gibt, die genommen werden, ist klarer- weise kein normatives Argument. Es wird ja auch ein kleiner Dieb verurteilt, ob- wohl andere mehr gestohlen haben. Die Menschen sind auf vielfältige Weise voneinander abhängig, der Markt ist nur eine Form unter vielen, in denen sich die verschiedenen Individuen auf- einander beziehen. In diese Kerbe schlug der bekannte Publizist Robert Misik neu- lich bei seiner Impulssrede beim Kon- gress der Gewerkschaft vida: »Man ist ja schon so viel gewohnt, man hat ja eine dicke Haut und eine gewisse Abgeklärt- heit. Aber dass man uns jetzt wieder sagt, man muss den Armen die Krümel weg- nehmen, damit man sie zur Aufnahme von Arbeit motiviert, da kann ich mich stundenlang richtig aufregen. Weil, wie argumentiert man denn die Phantasie- gehälter und die Bonuszahlungen, die man Managern, Brokern, Bankdirek- toren zahlt? Man sagt, man müsse denen das zahlen, um sie zur Arbeit zu moti- vieren, die brauchen das als Anreiz. Da scheint es also zwei Menschenschläge zu geben, ja, man hat den Eindruck, da gibts Bevölkerungsgruppen, die gehören gänzlich unterschiedlichen Spezies an: den einen muss man die Einkommen dauernd kürzen, um sie zu motivieren, den anderen muss man sie dauernd er- höhen, um sie zu motivieren!« Und er führte, in Anlehnung an die Erkennt- nisse von Richard Wilkinson und Kate Pickett in ihrem Buch »Gleichheit ist Glück« auch aus, dass nicht nur die Ärmsten von Ungleichheit negativ be- troffen sind, sondern die gesamten Ge- sellschaften, genauso wie umgekehrt al- le von einer größeren Gleichheit profi- tieren, da dann alle Schichten der Ge- sellschaft eher die Möglichkeit haben, ihr ganzes Potenzial zu entfalten. »Eine gerechtere Gesellschaft, die mehr Gleich- Autor: Thomas Varkonyi Freier Journalist b u c h t i P P Klaus Kornwachs: Zuviel des Guten. Von Boni und falschen Belohnungssystemen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009, 218 Seiten, ? 10,30 ISBN 978-3-518-26027-2 Bestellung: ÖGB-Fachbuch handlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at