Arbeit&Wirtschaft 11/2010Gesellschaftspolitik 42 72 Stunden ohne Kompromiss An Österreichs größter Jugendsozialaktion, organisiert von der Katholischen Jugend (KJ) mit youngCaritas und Ö3, beteiligten sich über 5.000 Jugendliche. U nter dem Motto »72 Stunden oh- ne Kompromiss« haben sich ver- gangenen Oktober Teilneh- merInnen in 400 Projekten enga- giert. Übrigens zum fünften Mal. Junge Menschen betreuen dabei karitative Pro- jekte in ganz Österreich. Welchem Pro- jekt sie zugeteilt werden, erfahren sie erst kurz vor Beginn der Aktion. Die Kriterien und Aufgaben Die Ausrichtungen der Projekte sind »so- zial«, »entwicklungspolitisch« und »öko- logisch«. Darüber hinaus können auch Projekte realisiert werden, die einer be- stimmten Schwerpunktsetzung oder der Weiterentwicklung des Projekts an sich dienen, so etwa im Bereich Gedenkarbeit, sofern sie den anderen Projektkriterien entsprechen. »Solidarisches Handeln« ist angesagt, d. h. ein Projekt muss Men- schengruppen zugute kommen, die am Rand stehen bzw. benachteiligt sind. Pro- jekte werden »mit« Betroffenen gemein- sam, nicht nur »für« sie durchgeführt. Die TeilnehmerInnen müssen gefordert, aber nicht überfordert werden und dürfen ide- ologisch nicht vereinnahmt werden. Eine Aufgabe muss den »Rahmen des Üb- lichen« sprengen, d. h. sie soll etwas sein, das Jugendliche nicht jeden Tag erleben. In Betreuungssituationen von Menschen mit besonderen Bedürfnissen, alten Men- schen, Kindern bzw. allgemein von den Adressaten der Hilfeleistung darf nicht eingegriffen werden bzw. nur unter ver- antwortlicher Begleitung. Mindestens ein/e EinsatzleiterIn der Einrichtung muss vor Ort bzw. immer erreichbar sein. Spen- denprojekte sind nicht Fokus des Projekts und sollten eine untergeordnete Rolle ein- nehmen. Leitschnur ist »Learning by do- ing«. Das Ziel der Aufgabe muss transpa- rent sein. Weiters müssen die Aufgaben in sich abgeschlossen sein, d. h. Start und Ende sind vordefiniert. Aus der Aufgabe darf für die Jugendlichen somit keine Fol- geverpflichtung entstehen, die über die 72-stündige Projektdauer hinausgeht. Ei- ne Aufgabe muss sich finanziell selber tra- gen, pädagogisch sinnvoll sein, d. h. die Jugendlichen sind nicht einfach nur »bil- lige« Arbeitskräfte, die tun, was sonst nicht finanzierbar ist, und soll ein »Schnuppern« in soziale/gesellschaftspolitische/ökolo- gische Felder ermöglichen. Der Schwerpunkt 2010 Immer mehr Menschen – darunter viele Jugendliche – sind von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Die EU hat deshalb 2010 zum »Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung« erklärt. Auch »72 Stunden ohne Kompro- miss« wollte durch die diesjährige Schwer- punktsetzung auf dieses Thema aufmerk- sam machen, die Menschen dafür sensibilisieren und durch konkrete Akti- onen zeigen, dass etwas getan werden kann. Die Aktion richtete sich im Zuge des Schwerpunkts besonders an arbeitslose und sozial schwächer gestellte Jugendliche. Sie wurden dazu ermutigt, an der Aktion teil- zunehmen, damit auf ihre Situation auf- merksam zu machen, und diese zusammen mit anderen zu verbessern. Die Teilnahme sollte den Jugendlichen neue Erfahrungs- räume eröffnen, ihr Selbstvertrauen stärken und vermitteln, dass es Nutzen bringt, sich aktiv für sein Umfeld einzusetzen. Projektbeispiele Gerne wird den Jugendlichen Desinte- resse an sozialen Fragen und mangelndes Engagement nachgesagt. Was die Jugend- lichen so alles auf die Beine gestellt ha- ben, zeigt ein kleiner, unvollständiger Auszug aus den 400 Projekten. Das Lokal Inigo bietet Langzeitar- beitslosen Arbeitsplätze und wird von der Caritas Wien betrieben. Zur Verschöne- rung des Mitarbeiterbereiches, war ein Team von engagierten SchülerInnen des Rainergymnasiums fleißig am Verputzen und Ausmalen. Musizieren für einen guten Zweck. 72 Stunden lang unterstützten Jugendli- che in Salzburg die Organisation Cope, die in Indien Kindern aus armen Fami- lien und Waisenkindern Zugang zu Bil- dung und eine gute Ernährung ermög- licht. Unter anderem musizierten die Ju- gendlichen in Salzburgs Altstadt. Barrierefreies Gärtnern. Eine Grup- pe steirischer Mädchen arbeitete 72 Stun- den lang im steirischen Zentrum für Men- schen mit Behinderung »Mosaik«. Ge- meinsam mit den Behinderten des Hauses gestalteten sie Hochbeete für die heilpä- dagogische Gartenarbeit. Coffee2Help. Dieser Kaffee schmeck- te den Passanten nicht nur lecker, der Spendenerlös kam auch der Wiener Ju- gendnotschafstelle »a-way« zugute. Dr. Wilfried Leisch Freier Journalist und Publizist in Wien