Arbeit&Wirtschaft 4/201216 Schwerpunkt D ie Andritz AG befindet sich in Fei- erlaune. Der österreichische Kon- zern für Anlagenbau konnte 2011 ein gigantisches Projekt an Land ziehen: den Auftrag für „Belo Monte“, das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt, das am Fluss Rio Xingu in Brasilien gebaut wer- den soll. Andritz soll dafür die elektrome- chanische Ausrüstung liefern. Genauer gesagt: Auf den Turbinen wird „Made in Austria“ stehen, dafür wird Andritz mehr als 300 Mio. vom budgetierten Gesamt- volumen von rund 900 Mio. kassieren. 40.000 Menschen vor Umsiedlung Während in Wien die Champagnerkor- ken knallen, sehen sich in Brasilien 40.000 Menschen in ihrer Existenz bedroht. Ih- nen – und vor allem den UreinwohnerIn- nen – stehen Umsiedlungen bevor. Zu- dem ist die Region am Xingu als eines der letzten funktionierenden Fluss-Systeme Amazoniens gefährdet – für den Bau sollen 516 Quadratkilometer Ackerland und Regenwald überflutet werden. Seit be- kannt wurde, dass Andritz den Auftrag für Belo Monte erhalten hat, laufen NGOs Sturm. Das Projekt verstieße ge- gen die Konvention 169 der International Labour Organisation (ILO), lautet der Hauptkritikpunkt. In den Artikeln 6–15 heißt es, dass indigene Bevölkerungsgrup- pen im Falle einer Bedrohung ihres Le- bensraumes ihre „freie, vorherige und in- formierte Zustimmung“ zu solchen Pro- jekten geben müssen. So weit, so schlecht – denn bislang klingt dieser Fall wie jedes andere der aufsehenerregenden Riesen- projekte, für die Natur und Mensch ge- opfert werden. Das Paradoxe an der Ge- schichte findet sich allerdings in der schriftlich festgehaltenen Geschäftsethik der Andritz AG. Denn diese hat sich der wirtschaftlichen, sozialen und umweltbe- zogenen Nachhaltigkeit verpflichtet, so steht es in ihrem Code of Conduct: „Der nachhaltige Schutz der Umwelt und die Schonung der natürlichen Ressourcen sind wesentliche Anliegen der Andritz- Gruppe.“ „Tue Gutes und rede darüber“, so be- ginnt ein Großteil der Medienberichte über Corporate Social Responsibility. Das gilt fälschlicherweise auch als Motto der CSR – einem Konzept, nach dem Unternehmen Umweltbelange und sozi- ale Anliegen nicht nur in ihre Unter- nehmenstätigkeit, sondern auch in ihre Beziehungen mit den Stakeholdern im- plementieren. Das Misstrauen gegenüber CSR ist jedoch ungebrochen. Von zahlreichen SkeptikerInnen wird CSR eher als „Deckmantel des Neoliberalismus“ oder als „gute Seite des Kapitalismus“ betitelt. Wie will ein Tabakunternehmen soziale Verantwortung übernehmen oder ein Ölkonzern umweltbezogene Nachhaltig- keit propagieren? Der Ruf der Corporate Social Responsibility leidet zudem unter dem Mangel an Fachwissen, vor allem auch unter den PR-Leuten. Oft werden CSR-Projekte unbewusst als PR-Strate- gie abgetan oder PR- und Marketing- Aktionen fälschlicherweise als CSR ver- kauft. „Man kann aber erst dann von CSR sprechen, wenn es ein Konzept gibt, das an das Kerngeschäft gekoppelt ist“, sagt Karin Huber von der CSR-Kommu- nikationsberatung comact. „Wenn ein Fast-Food-Konzern Kinderkrankenhäu- ser fördert, dann läuft das unter Sponso- ring oder Charity, aber nicht unter CSR. Denn das Produkt, das der Fast-Food- Konzern verkauft, ist nach wie vor noch gesundheitsschädlich. Wenn aber der Konzern offen zugibt, dass er derartige Produkte verkauft, aber gute Arbeitsbe- dingungen für die Mitarbeiter durchset- zen kann und seine Produkte nachweis- bar vom Bio-Bauern bezieht, dann kann von sozialer Verantwortung in bestimm- ten Bereichen gesprochen werden.“ CSR – eine Gratwanderung Andere Unternehmen wenden CSR nicht richtig an oder nehmen sie nicht ernst ge- nug – wie Andritz. „Das Selbstverständnis der Andritz AG zeigt, wie das Verständnis von CSR bei vielen Unternehmen ist. Allein die vermeintlich gesetzeskon- forme Unternehmenspolitik wird als ge- sellschaftlich verantwortliches Handeln deklariert“, sagt Marieta Kaufmann, Ge- schäftsführerin des Netzwerk Soziale Verantwortung. „Für uns ist die Nicht- einhaltung von Gesetzen illegales Han- deln, die Anwendung von Recht und Gesetz noch kein Grund, sich als sozial oder ökologisch verantwortlich darzu- stellen.“ Wenn die Idee gut klingt, hapert es meist an der Umsetzung. PR hat eine kosmetische Wirkung, mit PR-Aktionen kann ein Imageproblem kurzfristig und oberflächlich ausgebügelt werden. CSR tut vor allem nur eines: weh. Denn für ein nachhaltiges CSR-Konzept muss sich Der schmale Grat „Guter Kapitalismus“ oder ernste soziale Verantwortung? Corporate Social Responsibility ist nicht so schlecht wie ihr Ruf. Richtige CSR will aber gelernt sein. Autorin: Maja Nizamov Freie Journalistin