Arbeit&Wirtschaft 4/201218 Schwerpunkt Das Recht auf Arbeit Damit der Mensch nicht zur Wegwerfware am Arbeitsmarkt wird, müssen Ressourcen genutzt werden. Vom Schonen, Reparieren und Reintegrieren. N achhaltiger Umgang mit der Res- source „Arbeitskraft“ beginnt am Arbeitsplatz. Dabei ist es wichtig herauszufinden, wo Belastungs- faktoren liegen. Deshalb führte die hu- manware GmbH in Kooperation mit AK und ÖGB die Online-Erhebung „Ich mess’ den Stress!“ durch, die auch für ei- ne Diplomarbeit an der Uni Wien genutzt wurde. Über 4.000 Menschen nahmen an dieser Erhebung teil. Immerhin 19 Prozent der Befragten leiden unter einer unangenehmen Kör- perhaltung, vielfach in der Branche Handel und im Gesundheits- und Sozi- alwesen. „Viele Arbeitsplätze sollten von Anfang an richtig gestaltet und auf die dort arbeitenden Menschen abgestimmt sein. Und nicht erst dann, wenn erste gesundheitlichen Beschwerden auftre- ten“, erklärt die für das Projekt verant- wortliche Arbeits- und Gesundheitspsy- chologin Martina Molnar. Arbeitszufriedenheit im Vergleich Während Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen zwar bei Körperhaltung und Arbeitsstoffen ausgeprägte physische Belastungen zeigen, sind etwa die Werte der Arbeitszufriedenheit und körperli- chen wie psychischen Verfassung sehr positiv. Sehr konträr: Die negativste kör- perliche Verfassung findet sich in der Branche Finanzen und Versicherungen und die negativste Arbeitszufriedenheit ist in Handel, Information/Kommunika- tion und öffentlicher Verwaltung fest- stellbar. Molnar, Gründerin des Instituts humanware GmbH (www.humanware.at): „In den Unterrichtsberufen ist Lärm die ärgste Belastung. Da nützt es nichts, wenn LehrerInnen gratis Yogastunden erhalten.“ Fazit: Gezielte Prävention und Gesundheitsförderung statt Nachsorge. Doch wenn die Arbeitsbedingungen den Menschen verdrängen, der erste Arbeitsmarkt ihn ausspuckt, bleibt lang- fristige Beschäftigungslosigkeit. Eine zweite Chance Seit 14 Jahren ist das Reparatur- und Ser- vice-Zentrum, kurz R.U.S.Z, eine Nach- haltigkeits-Institution für entsorgte Ge- räte und Menschen. Sepp Eisenriegler, 59, ist ausgebildeter AHS-Lehrer – seinen Schuldienst hat er nie angetreten, in den 1980er-Jahren kam ihm die Projekt- vorbereitung für „die umweltberatung“ dazwischen. Eisenriegler spezialisierte sich auf Abfall, blieb dabei und gründete das R.U.S.Z – erst ein sozialökonomischer Betrieb mit AMS-Förderung. Ökolo- gisch, ökonomisch und sozial: „Wir wa- ren 1998 der erste nachhaltige Betrieb Österreichs und haben aus der Sicht des AMS hoffnungslose Fälle reintegriert.“ Beschäftigungslose und Menschen mit Behinderung reparieren gebrauchte Elektrogeräte, die wieder verkauft wer- den. Credo: „Länger nutzen statt öfter kaufen.“ Martin Österreicher, Sänger beim Augustin-Stimmgewitter und ehema- liger R.U.S.Z-Mitarbeiter, bringt es auf den Punkt: „Mit der Reparatur des Fernsehers repariere ich mich selbst.“ Auch die aktuelle Eigenentwicklung „Waschmaschinen-Tuning“ (Energieef- fizienz-Steigerung alter Waschmaschi- nen) spendet den Reparateuren neue Kraft. Innerhalb von zehn Jahren konn- ten 71 Prozent der Transitarbeitskräfte in Beschäftigungsverhältnisse vermittelt werden. Ende 2007 wurde das R.U.S.Z privatisiert. „Für das AMS üben wir zu hochschwellige Tätigkeiten aus, doch sie wollen die sozialökonomischen Betriebe niederschwellig halten. Andere Betriebe sperrten zu, wir haben privatisiert.“ Ne- ben einer weiblichen Teilzeitkraft in der Administration sind derzeit ausschließ- lich Männer beschäftigt: zwölf Vollzeit- kräfte, zwei Lehrlinge, die zu Bürokauf- männern ausgebildet werden, und drei Teilzeitkräfte. „Wir sind jetzt diejeni- gen, die wir früher als sozialökono- mischer Betrieb gerne als Kooperations- partner gehabt hätten. Wir sind jetzt erster Arbeitsmarkt.“ Dank R.U.S.Z sind auch das ReparaturNetzwerk Wien (www.reparaturnetzwerk.at) und die Trash DesignManufaktur (www.trashdesign.at) im ehemaligen Tochterbetrieb Demon- tage- und Recycling-Zentrum D.R.Z entstanden. Vieles wurde repariert – Maschinen mit gravierenden Schäden und Menschen mit schweren Schick- salen. 300 Bewerbungen, 19 Antworten Eisenriegler hat ein gutes Beispiel zur Hand: Männlich, 45 Jahre, Opfer der strukturellen Arbeitslosigkeit. Die Elek- trotechnikfirma siedelte die Produktion in ein Billiglohnland ab, kündigte 150 AutorInnen: Sophia Fielhauer & Christian Resei Freie JournalistInnen