Arbeit&Wirtschaft 4/201222 Schwerpunkt D ie Fakten zum Klimawandel sind unbestritten, auch wenn immer wieder SchönrednerInnen mei- nen, das alles sei ja eh nicht so schlimm. Eindeutig und klar ist: Wir Menschen in den Industriestaaten, natür- lich auch wir ÖsterreicherInnen, belasten und misshandeln unseren Planeten ge- waltig. Elf Tonnen CO2 produziert und 70 Tonnen Materie verbraucht hier jeder Mensch im Schnitt pro Jahr, und die Rohstoffvorräte werden rasch weniger. Was heißt nachhaltig? Nachhaltig heißt, den Verbrauch aller nicht nachwachsenden Rohstoffe radikal drosseln, sie rasch durch andere ersetzen. Unersetzbare Metalle in einen geschlos- senen Kreislauf überführen, also voll- ständig recyceln. Energie aus Wasser- kraft, dem Wind und der Sonne gewin- nen, damit aus Atomkraft, Erdöl, Erdgas und Kohle aussteigen, den Wasserhaus- halt schützen und den Naturverbrauch stoppen. Eine echte, starke Klimapolitik sieht anders aus, als das leichte „Grünfär- ben“, das heute gemacht wird, indem Energiesparlampen zwangsweise einge- führt werden (die völlig kontraproduk- tiv sind), als nur Energiekennzeichnung bei Elektrogeräten, verbale Begeiste- rung fürs Recycling oder ein paar Elek- troautos. Eine umfassende nachhaltige Klimapolitik würde stattdessen auf Suffizienz und eine Abkehr vom Wirt- schaftswachstum, diesem heute univer- sell und religiös benutzten Mantra, setzen: Genauso wie jedem/jeder klar sein müsste, dass die Lebenserwartung von Menschen nicht ewig steigen wird, kann es auf einem begrenzten Raum wie unserem Planeten nicht unbegrenz- tes Wachstum geben. Nachhaltigkeit ist gerechte Verteilung Starke Klimapolitik würde die Umwelt- grenze akzeptieren und einen zweiten Schwerpunkt in der Verteilungsgerech- tigkeit sehen. Wohlstand ist nicht nur zwischen Nord- und Südhalbkugel, sondern auch in den reichen Ländern ungerecht verteilt. Vom Wachstum ha- ben vor allem die reichen Bevölkerungs- gruppen profitiert, keine Frage. Mit dem Shareholder-Kapitalismus und der Finanzindustrie hat sich das noch inten- siviert. Ein dritter Schwerpunkt wäre eine umfassende Erwerbsarbeitszeitver- kürzung, um Erwerbsarbeit für alle zu schaffen. Gerechtere Verteilung ohne Wachs- tum mag schwerer durchzusetzen sein – unmöglich ist sie nicht. Auch vorsich- tige Ökonomen, etwa Karl Aiginger, Leiter des WIFO, sagen das.1 Auf die Frage, ob es ob es seiner Meinung nach eine Wirtschaftswelt ohne Wachstum geben könne, antwortete er: „In Ent- wicklungs- und Schwellenländern be- deutet Wachstum weniger Armut und weniger Kindersterblichkeit. In Indus- trieländern ist Nullwachstum im Prin- zip vorstellbar, aber bei einer ganz an- deren Umverteilung.“ Echte Nachhaltigkeit, das wäre na- türlich auch Suffizienz, Verzicht. Das ist ein Unwort in unserer Konsumgesell- schaft, die auf materielle Belohnung aufgebaut ist. Aber wenn Güter weniger oft gekauft werden müssen weil sie län- ger nutzbar sind, führt das zu keiner Verschlechterung der Lebensqualität. In Oberösterreich statt auf den Malediven Urlaub zu machen, verhindert Wohl- fühlen nicht. Und das T-Shirt um 3,99 Euro, das die ostasiatische 14-Stunden- tag-Arbeiterin mit ihrer Sklaverei durch Textildiscountketten möglich machen muss, ist für ein zufriedenstellendes Le- ben nicht lebenswichtig. Die Finanzkrise scheint heute nur mit Wachstum lösbar. Alternativlos – sagen viele politische AkteurInnen, für Klimapolitik ist derzeit eine schlechte Zeit. Paradoxerweise wird gleichzeitig durch rigorose Sparpolitik seitens der EU, der EZB und des IWF Wachstum abgewürgt. Allerdings: Der Klimawan- del geht inzwischen weiter. AkteurInnen für starke Klimapolitik AkteurInnen, das wären Interessengrup- pen, in erster Linie Interessenorganisa- tionen, also gebündelte und legitimierte „Stimmen“, die aus ihrem Vertretungs- anspruch heraus agieren. Auf sich allein gestellte VerbraucherInnen oder Bürge- rInnen verändern nichts, es braucht Ak- teurInnen, die hier antreiben. Grund- sätzliches Problem von großen Organi- sationen ist, dass neue Ziele nur langsam angegangen werden können. Sie sind wie Arme, kranke Erde Tiefgreifende klimapolitische Maßnahmen wären seit Jahren überfällig, das ist allen klar. Aber wer könnte dafür sorgen, dass hier wirklich etwas weitergeht? Autor: Karl Kollmann Stv. Leiter der Abteilung Konsumentenpolitik der AK Wien 1 Christine Klafl: Aiginger: Zum Wirtschaftswachstum verdammt, in: Kurier, 29.12.2011, tinyurl.com/ct5qz3d