Arbeit&Wirtschaft 4/201224 Schwerpunkt J egliche Nachhaltigkeit beginnt am Standort. Der Raumordnung kommt daher, quasi als Produzentin von Standortqualitäten, innerhalb der Nachhaltigkeitsstrategie große Be- deutung zu. Anforderungen an den Raum sind dabei vielfältig und beinhalten Ver- und Entsorgung (Einkaufsmöglich- keiten, Restaurants, Gasversorgung usw.), Freizeit, Verkehr, Bildung (Kindergärten, Schulen und Hochschulen), Gesundheit (Ärztinnen/Ärzte, Krankenhäuser, Pfle- ge), Land- und Forstwirtschaft, Bergbau, Wohnen und Arbeit. Standortqualität Die Raumordnung soll diesen unter- schiedlichen Anforderungen entspre- chen, im Falle von Konflikten ausglei- chen und für künftige Raumnutzungen Vorsorge treffen. Entscheidend hierbei ist, inwieweit die Möglichkeiten der per- sönlichen und gesellschaftlichen Entfal- tung über die Ausstattung des Standortes und dessen unmittelbaren Umfeldes ga- rantiert werden können. Daraus ergibt sich die Standortqualität. Instrumente der Raumordnung sind einerseits sehr grob gehaltene überregionale Regelungen wie Stadt- und Landesentwicklungskon- zepte, andererseits werden in Flächenwid- mungs- und Bebauungsplänen die Nut- zungsmöglichkeiten einzelner Grund- stücksteile oder Gebäude sehr detailliert geregelt. Hauptfestlegungen sind in die- sem Zusammenhang die Einteilungen der Grundstücke in Wohnbauland, Ge- werbe- und Industriebereiche, Verkehrs- flächen und Zonen für Land- und Forst- wirtschaft sowie Festlegungen über Gebäudehöhen, Lage der Bauten, Dich- tewerte, technische und ästhetische Anforderungen. Zersiedelung Die Raumordnung ist in den letzten Jahrzehnten dadurch geprägt, dass die Agglomerationen und dabei ganz beson- ders das Stadtumland, der sogenannte Speckgürtel, eine dynamische Entwick- lung erfahren haben. Diesem Zuwachs steht ein Bevölkerungsrückgang in den strukturschwachen Gebieten und den Randlagen gegenüber. Während man auf der einen Seite versucht, die Abwande- rung in Grenzen zu halten, prägt die Aus- weitung dünn besiedelter, weitläufiger Einfamilienhausgebiete die Raumord- nungspolitik vieler boomender Gemein- den. Die Anzahl der Wohnungen in sol- chen Streusiedlungen hat sich um 50 Prozent, in manchen Gemeinden sogar um 100 Prozent erhöht.1 Zudem gibt es für landwirtschaftliche Gebäude kaum Regelungen, zum Teil kann die Gemein- de hier nicht einmal mitgestalten. Un- mittelbare Folge davon ist die Zersiede- lung: Einer flächenmäßig enormen Zu- nahme der bebaubaren Zonen steht im Verhältnis ein eher mäßiger Bevölke- rungszuwachs gegenüber. An diesen Standorten ist eine unmit- telbare Erfüllung der unterschiedlichen Bedürfnisse oft nicht gegeben. Das liegt daran, dass Infrastrukturen wie Super- märkte, Kindergärten, Apotheken, Schuhgeschäfte usw. für den wirtschaft- lichen Betrieb eine Mindestkundenfre- quenz benötigen, die es in dünn besie- delten Gebieten schlicht nicht gibt. Das gilt insbesondere für die Versorgung mit Verkehrsmitteln. Auch diese benötigen Mindestpassagierzahlen. Eine U-Bahn oder eine Straßenbahn ist daher für ein- same Streusiedlungen nicht finanzier- bar. Die BewohnerInnen sind ebendort – denn sie müssen sich zur Bedürfnisbe- friedigung räumlich bewegen – auf an- dere Alternativen angewiesen. Im besten Fall gibt es eine gute Busverbindung. Oft bleibt allerdings nur der eigene Pkw. Dieser gilt zwar als Massengut, schließt aber konsequent den Großteil der Be- völkerung aus: jene, die zu jung, zu alt, zu krank oder zu arm sind. Besonders belastet sind untere Einkommensschich- ten, die auf einen Pkw angewiesen sind. Nicht Melkkühe der Nation Zusätzlich verursacht der (künstlich er- zeugte) Straßenverkehr die bekannten Nebenerscheinungen: Verknappung des öffentlichen Raums vor allem in Bal- lungsgebieten, gesundheitsgefährdende Abgase, Lärm, Staus, Unfälle usw. Dabei wird vom Staat auch noch kräftig zuge- schossen. Die offizielle österreichische Wegekostenrechnung 20002 (WKR) wi- derlegt eindeutig die oft propagierte Aus- sage, wonach die AutofahrerInnen die Melkkühe der Nation seien. Laut WKR trägt der Straßenverkehr nur rund ein Raumnot Um nachhaltig zu leben und zu wirtschaften braucht es Raum – da oder dort werden wir zusammenrücken müssen. Autor: Gregor Lahounik AK Wien – Abteilung Umwelt und Verkehr 1 Österreichische Raumordnungskonferenz ÖROK, Schriftenrei- he Nr. 148: Siedlungsstruktur und öffentliche Haushalte, Wien 1999, www.oerok.gv.at 2 Wegekostenrechnung 2000, Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie, Wien 2001, www.bmvit.gv.at