4 Arbeit&Wirtschaft 10/2011Historie Keine Angst K eine Angst“ sang Hansi Lang 1982 und traf damals genauso das Zeit- gefühl wie auch heute noch. Selten gab es so viele Vorschläge aus mei- ner Redaktion wie zum Thema „Fürchtet euch nicht“. Mit Angst und Ängsten kön- nen wir etwas anfangen. Wir alle haben Angst, wir alle haben Ängste. Flucht, Totstellen, Kampf Angst ist ein Grundgefühl, heute, vor 30 Jahren, vor Jahrhunderten, Jahrtausen- den. Angst ist überlebensnotwendig, be- gleitet uns, schützt uns, hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Denn Angst schärft auch unsere Sinne und erhöht un- sere Aufmerksamkeit. Instinktiv haben wir drei Reaktionen auf Angst: Flucht, Kampf oder Totstellen. Und oft genug in der Geschichte der Menschheit haben wir es geschafft, den Kampf aufzunehmen gegen unsere Ängste. Wir haben erkannt, dass es sich gemeinsam besser kämpft, ob gegen Säbelzahntiger, Tyrannen oder Ar- mut, Krankheit, Tod. Die Angst um Leib, Leben und unse- re Lieben hat uns in Kriege getrieben, aber auch den Sozialstaat schaffen lassen, um Armen und Schwachen, Alten und Kranken eine grundlegende Sicherheit zu geben. Und davor fürchten wir uns immer noch: Selbst alt, krank, schwach und daher arm zu sein. Es war aber auch die Angst der Mächtigen vor dem Volk, vor Unruhen und Revolutionen, die die- sen Prozess unterstützte. Als Hansi Lang 1982 „Keine Angst“ an jede Wand schrei- ben wollte, stand der österreichische Sozi- alstaat in voller Blüte. Doch schon began- nen die Lohnquoten zu sinken, die Arbeitslosenzahlen zu steigen und der Neoliberalismus gewann weltweit und hierzulande zunehmend Platz. Und da- mit die Angst, neue Ängste. Die zuneh- mend härtere Gangart in der Arbeitswelt, das Wettbewerbsprinzip, das stärker in den Mittelpunkt rückte, die Globalisie- rung nährten diese. Immer mehr Men- schen fürchten nicht mehr mitzukom- men, nicht gut, stark, zäh genug zu sein für das, was die Wirtschaft verlangt. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Industriegesellschaft mehr und mehr in Richtung Dienstleistungsgesell- schaft gewandelt, die Kommunikations- anforderungen sind gestiegen, nicht zu- letzt durch das Internet. Wir erleben in den letzten Jahren Krisen ohne histo- rische Parallelen, verwirrend und verunsi- chernd. Wir mussten Abschied vom Le- bensarbeitsplatz, der Lebensplanung neh- men, die Flexibilisierung der Arbeit er- zeugt neue Unsicherheiten wie auch die Reallohnentwicklung. Besonders schwie- rig ist die Situation für Risikogruppen wie Armutsgefährdete, Arbeitslose, Burn- out-Gefährdete, Jugendliche ohne Zu- kunftsperspektive etc. Kein Wunder, dass psychische Er- krankungen zunehmen – 900.000 Ös- terreicherInnen nehmen das Gesund- heitssystem deswegen in Anspruch, fast die Hälfte im erwerbsfähigen Alter. Eine europaweite Metastudie ergab, dass psy- chische Störungen alle Altersgruppen betreffen und als die zentrale Herausfor- derung für das Gesundheitssystem des 21. Jahrhunderts betrachtet werden. Dabei sind Angststörungen mit 14 Pro- zent die am stärksten verbreiteten.1 Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben Was aber dagegen tun? Ewig können wir nicht in Scheinwelten entfliehen, lange genug haben wir uns tot gestellt, es ist Zeit, dass wir wieder den Kampf aufnehmen – gemeinsam, weil wir so stärker sind. Es ist Zeit, den Sozialstaat wieder zu fairbessern, die Schieflage zu korrigieren, für unsere Zukunft und gegen die AngstmacherIn- nen aufzutreten – keine Angst, denn wie lautet ein altes Sprichwort: „Zu Tode ge- fürchtet ist auch gestorben!“ Katharina Klee Chefredakteurin Standpunkt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm 1 „Anstieg psychischer Leiden – Wirtschaftskrise bedrückt die ös- terreichische Seele“, Unterlage einer Pressekonferenz des ÖBVP am 18. 10. 2011, tinyurl.com/cbdm749