Arbeit&Wirtschaft 6/201214 Schwerpunkt I ch gehe an der Menge vorbei Rich- tung Podium. Ich spüre sie langsam in mir aufsteigen, den Rücken hi- naufkriechen. Mein Herz pocht laut, Hitze steigt in mir auf, Schweißperlen auf meiner Stirn. Ich habe Angst!“ Wer kennt das nicht? Eine Präsenta- tion, ein Vorstellungsgespräch, eine große Spinne und wir spüren sie, die Angst. Unsere Aufmerksamkeit erhöht sich, die Atmung wird flacher und beschleunigt, Blut wird in die Mus - keln gepumpt, alle Sinne laufen auf Hochtouren. Unser Körper wird aufs Höchste aktiviert, bereitet sich auf eine erwartete Bedrohung vor. Angst hat Sinn. Die Urfunktion dahinter ist – wie so oft – in unserer evolutionären Ver- gangenheit zu finden: Unser Körper wird so auf Kampf, Flucht oder Ver- harren vorbereitet. Angst vs. Furcht Grundsätzlich gilt es, im Sprachge- brauch zwischen Angst und Furcht zu unterscheiden. Furcht ist die Reaktion auf eine konkrete Bedrohung, wie bei- spielsweise einen Säbelzahntiger, der uns den Weg versperrt. Nun kommen wir heute in Österreich relativ selten in wahrlich furchterregende Situationen. Nicht nur deswegen, weil der Säbelzahn- tiger bereits lange ausgestorben ist, son- dern auch, da konkrete Bedrohungen in zivilisierten Gesellschaften weitgehend reduziert sind. Sicherheit und Kontrolle lassen uns scheinbar entspannt das Le- ben genießen. Angst hingegen ist diffus, objektungebunden. Für sie gibt es kei- nen konkreten Grund. Beispiel dafür ist die Angst als Kind, in den Keller zu ge- hen oder allein in der Dunkelheit zu sein. Allein unsere Phantasie über mögliche Bedrohungen lässt uns Angst empfin- den. Warum hilft Vernunft nicht gegen Angst? Hier werfen wir zum besseren Verständnis einen Blick auf die physio- logischen und zerebralen Korrelate von Angst. Was passiert in unserem Gehirn? Wo ist die Angst überhaupt lokalisiert? Die Amygdala hat die Größe und Form eines Mandelkerns, ist für Angst und Aktivierung zuständig und sitzt ganz weit drinnen in unserem Gehirn. Das bedeutet, die Amygdala ist entwick- lungsgeschichtlich sehr alt. Die Sache mit der Amygdala ist, dass sie vor unser Bewusstsein geschal- tet ist. Man hat also Angst, ohne dass man sich bewusst ist warum, und auch ohne durch Gedanken beeinflussen zu können, ob die Angst gerechtfertigt ist oder nicht. Deswegen bringt es nichts, beispielsweise einer Person, die an Spinnenangst leidet, die Ungefährlich- keit der Spinne oder einer Person, die gegen Höhenangst kämpft, die Sicher- heit einer Brücke zu erklären. Krankheit Angststörung Das Phänomen der Angststörung nimmt in unseren westlichen Gesellschaften verstärkt zu. Allein in Europa litten 2010 über 61 Mio. Menschen an einer Angst- störung, mehr als doppelt so viele, wie an einer Depression leiden. In Industrieländern erkranken weit mehr Personen an einer Angststörung als in weniger wohlhabenden Ländern. Es gibt, wie so oft, verschiedene Ele- mente, die das Auftreten einer Angst- störung begünstigen: Genetische Fak- toren als auch verschiedene umge- bungsbedingte Stressfaktoren. So gilt ein hoher Zusammenhang zwischen körperlichem Missbrauch und Angst- störungen als bestätigt. Das erscheint ja noch logisch. Auch Religiosität hat einen bedeu- tenden Einfluss auf die Wahrschein- lichkeit der Entwicklung einer Angst- störung. Glaube und Angst hängen negativ miteinander zusammen. Je stär- ker der Glaube, umso geringer ist das Risiko, eine Angststörung zu entwi- ckeln. Die Erklärung dafür kann fol- gende sein: Da Gott oder ein höheres Wesen einen Plan für mich hat, mit dem Tod das Dasein nicht endet, gibt es weniger zu fürchten. Großstadt macht Angst Nun existieren auch Ergebnisse aus Stu- dien, die nicht ganz so einfach zu erklä- ren sind. Man hat die Aktivität der Amygdala, die wir bereits kennengelernt haben, bei Menschen vom Land und aus der Stadt in objektiv gleich stark stress- und angstauslösenden Situationen ge- messen. Die Amygdala der Landbevöl- kerung blieb im Schnitt relativ ent- spannt, während die Stadtamygdala sehr aktiv wurde. Es ist bewiesen worden, dass Men- schen, die in einer europäischen Groß- stadt leben, ein eineinhalbfach erhöhtes Wer fürchtet die Angst? Gerade in den westlichen Industriegesellschaften leiden immer mehr Menschen unter Angststörungen. Autor: Sebastian Körber Klinischer Psychologe und Gesundheits- psychologe, Wirtschaftstraining