Arbeit&Wirtschaft 6/2012 23Schwerpunkt ‚massenmedialen Filter‘ wahr, durch die mediale Produktion von Bedrohungs- szenarien verstärkt sich diese Verbre- chensfurcht.“ Verschuldung der öffentli- chen Haushalte und Finanzkrise, so ein weiterer Grund, führten zur Auslagerung wegen „höherer Leistungseffizienz, Kos- tengünstigkeit und Angebotsflexibilität“. Und schließlich: die „Zunahme der all- gemeinen gesellschaftlichen Gefahren- und Risikoproduktion“. So sollen vor allem sensible Bereiche, wie Energieer- zeugung, Verkehr und Ähnliches vor Störungen und Anschlägen geschützt werden. Hier werden private Sicherheits- firmen vor allem im präventiven Bereich eingesetzt. Verbrechensfurcht Laut einer „market“-Studie, im Auftrag von Telekom Austria 2009 zum Sicher- heitsgefühl der österreichischen Bevölke- rung erhoben, zeigt sich: Drei Viertel der Befragten machen sich große Sorgen um Diebstahl von Geld und Wertsachen. Teu- re Alarmanlagen gewinnen beim Ein- bruchsschutz stark an Bedeutung. In der kriminologischen Forschung hat sich das Thema „Verbrechensfurcht“ seit einigen Jahren als Gegenstand eta- bliert. Nicht nur um neue Strategien zur Kriminalitätsbekämpfung zu finden, sondern auch weil sie, so der deutsche Kriminologe Michael Kubink, als Para- debeispiel für die Verzerrbarkeit von Wirklichkeit dienen kann. „Angstphäno- mene gehören zur Grundausstattung der Moderne. Angstdiskurse sind eingefloch- ten in neue Gesellschaftsverständnisse.“ Eine solche „Verunsicherungsgesell- schaft“ fordere die Suche nach neuen Si- cherheitskonzepten nahezu heraus. „War Sicherheitsgewährung ehedem Kernauf- gabe, die den Staat legitimierte, so wird Sicherheit heute immer mehr zu einem Markt der Möglichkeiten für private Dienstleister.“ Die BürgerInnen würden zusehends in solche Konzepte der Sicher- heitsdarstellung hineingezogen. Dahin- ter stecken, so der US-amerikanische Politikwissenschafter Francis Fukuyama, neo-liberale Gesellschaftsentwürfe, die einerseits zum Wettbewerb für Sicher- heitsprodukte aufrufen und andererseits eine neue Art von „Tugendhaftigkeit und Sozialverantwortung“ in der Gesellschaft predigen. Nicht nur die reale Kriminalität, sondern die Vorstellung davon, flössen in heutige Sicherheitskonzepte ein, meint Michael Kubink. Sicherheit werde als Serviceleistung verstanden, die pri- mär die „Kriminalität in den Köpfen der Menschen“ einbezieht. „Es kommt zuerst auf Sicherheitsgefühle an, was darauf hindeutet, sich zugunsten von Empfindungen und Emotionen von ra- tionaler Problemerkenntnis und -bewäl- tigung abzuschotten“, so Kubik. Damit einher gingen Tendenzen, Kriminalpoli- tik auf soziale Gruppen zuzuschneiden, die im öffentlichen Diskurs als Risiko für Sicherheit und Ordnung dargestellt würden. Seit der Österreicher Leo Sternbach 1953 in den USA die Inhaltsstoffe der Heilpflanze Baldrian erforschte und das Valium (Diazepan) entdeckte, ist der se- dierende Wirkstoff ständiger Begleiter von vielen, die unter Angst oder Angst vor der Angst leiden. 1977 wurde Diaze- pan in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorgani- sation aufgenommen. Heute gelten Ben- zodiazepine weltweit als Medikamente mit der höchsten Missbrauchsrate. Gesi- cherte Erkenntnisse über die Einnahme- häufigkeit sind nicht verfügbar. Hinweise liefern Daten aus dem Arzneimittelin- dex, der die Verordnungshäufigkeit an- zeigt. Bei einer vor zehn Jahren in Inns- brucker Apotheken durchgeführten Studie verlangten rund sechs Prozent der Kundinnen und Kunden nach diesen Medikamenten. Entzugserscheinung Angststeigerung Die Einstellung der MedizinerInnen habe sich inzwischen geändert, meint Martin Aigner von der Universitätsklinik für Psy- chiatrie und Psychotherapie am AKH Wien. Langzeitverschreibungen würden aufgrund der raschen Abhängigkeit mitt- lerweile kritisch gesehen. Je länger und je höher die Dosis und je älter der oder die PatientIn ist, umso heftiger gestaltet sich der Entzug. Unter den Entzugserschei- nungen: vermehrtes Angstempfinden. Internet: Aufsatz von Michael Kubink, „Verbrechensfurcht – neue Aufgaben in der Verunsicherungsgesellschaft“: tinyurl.com/d6s25yv Schreiben Sie Ihre Meinung an die Autorin gabrielle.mueller@utanet.at oder die Redaktion aw@oegb.at Es gibt praktisch nichts, vor dem es unmöglich wäre, Angst zu entwickeln, meint der Angst- forscher Fritz Riemann. Und meist geht es um Varianten bestimmter Grundängste, die laut dem deutschen Tiefenpsychologen wären: Angst vor Veränderung, Angst vor Endgültigkeit, Angst vor Nähe und Angst vor Selbstwerdung. © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm