Arbeit&Wirtschaft 6/2012 25Schwerpunkt bedeutet „Schrecken“, und den wollen die TerroristInnen verbreiten. Laut Du- den ist Terror die „[systematische] Ver- breitung von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen (besonders zur Errei- chung politischer Ziele)“. Wenn Terro- ristInnen einen Anschlag verüben, schla- gen sie immer doppelt zu. Einmal direkt, indem sie Menschen töten oder verletzen und hohen Sachschaden verursachen, aber auch indirekt, indem sie Angst ver- breiten. Also ist die sogenannte „Terror- gefahr“ und die Furcht davor schon der Terror selbst. Wenn wir uns fürchten, sind wir bereits Opfer des Terrorismus. 1.600 Tote durch Ausweichverhalten Und auch das kann tödlich sein, wie der Leiter des Max-Planck-Instituts für Bil- dungsforschung in Berlin Gerd Gigeren- zer untersucht hat, denn in der Angst reagieren Menschen unüberlegt und wei- chen vermeintlich gefährlichen Situati- onen aus. So vermieden viele Amerika- nerInnen nach 9/11 zu fliegen und fuh- ren lieber mit dem Auto. Als Folge starben auf den Straßen 1.600 Menschen mehr. Also gab es nicht nur 256 Tote in den Flugzeugen und 2.600 Opfer in den Türmen, sondern weitere 1.600 Tote durch ein angstgesteuertes Ausweichver- halten, das oft schlimmere Folgen nach sich zieht, als wenn man ganz normal weiter gemacht hätte und einfach geflo- gen wäre. „Menschen überschätzen Risiken sehr stark, wenn Ereignisse selten ein- treten, dann aber mit erheblichen belas- tenden Konsequenzen verknüpft sind. Da diese dramatischen Ereignisse medi- al sehr sichtbar sind, wirken sie als Angstsammler, die alle vorhandenen ir- rationalen Ängste an sich binden. Das nennt sich subjektives Risikoempfin- den“, so Thomas Kliche, Psychologe der Uni Hamburg. Dieses subjektive Risikoempfinden wird durch die Präsenz des Terrors – mag er auch noch so weit entfernt sein – geschürt. Und zwar nicht nur durch die Berichterstattung über Anschläge, sondern auch die danach folgenden po- litischen Diskussionen um eine Ver- schärfung der Sicherheitsmaßnahmen, die meist auf Kosten der Grundrechte geht, wie zum Beispiel die Vorrats- datenspeicherung. Erledigen also dieje- nigen, die vor dem Terror allzu laut warnen, nicht schon den Job der Ter- roristInnen – nämlich Angst und Panik zu schüren und die Bevölkerung in einen verunsichernden Angstzustand zu versetzen? Risiko nicht quantifizierbar „Im Jahr 2010 ist die allgemeine terro- ristische Gefährdungslage gestiegen“, so das Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT), das dem Bundesministerium für Inneres an- gehört, in seinem jährlichen Verfassungs- schutzbericht. Rechts- als auch linksext- reme Bedrohungen sind praktisch nicht vorhanden bzw. unter Kontrolle. Aller- dings seien der sogenannte „home- grown“-Extremismus und Terrorismus mit islamistischer Komponente sowie anhaltende Radikalisierungs- und Rek- rutierungspraktiken gestiegen und stel- len „ein nicht quantifizierbares Risiko- potential für die innereuropäische und innerstaatliche Sicherheit dar“. In diesem Zusammenhang erhielten Sicherheits- behörden und Nachrichtendienste dif- fuse Hinweise, wonach bereits ausgebil- dete Attentäter in Richtung Europa ent- sandt wurden, um Anschläge gegen „weiche Ziele“ (also Bahnhöfe, Eisen- bahn- und öffentlicher Nahverkehr, Flughäfen, öffentliche Gebäude und Ein- kaufszentren sowie der gesamte Bereich der sogenannten „kritischen Infrastruk- tur“) durchzuführen – womit wir wieder bei unserem Horrorszenario wären. Heroische Gelassenheit Aber fürchten dürfen wir uns trotzdem nicht! Die einzige Möglichkeit ist, eine heroische Gelassenheit zu entwickeln. Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben. Dabei er- wächst die Macht der TerroristInnen aus unserer eigenen Angst. Wenn wir aber die Anschläge als Unfälle ansehen, dann stellt sich heraus, die TerroristInnen kön- nen uns gar nichts anhaben. Internet: Verfassungsschutzbericht des BVT: tinyurl.com/7cuto3b Homepage einer Aktion mündiger Bürger: www.wirhabenkeineangst.de Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor martin.haiden@aon.at oder die Redaktion aw@oegb.at So ist die sogenannte „Terrorgefahr“ und die Furcht davor schon der Terror selbst. Wenn wir uns fürchten, sind wir bereits Opfer des Terrorismus. © Ö GB -V er la g/ M ar ku s Za hr ad ni k