Arbeit&Wirtschaft 6/201226 Schwerpunkt D er Tod von Dominik Brunner sorgte 2009 nicht nur in Deutsch- land für beträchtlichen Medien- rummel: Der 50-jährige Mana- ger wollte als einziger vier Schülern hel- fen, die von drei älteren Jugendlichen in der U-Bahn bedroht wurden. Es kam zu ei ner Prügelei, zwei Stunden später starb Dominik Brunner im Krankenhaus. Mord in drei Etappen Menschen, die wegschauen, vor dem Leid anderer die Augen verschließen, vorbeigehen, bei Unfällen keine Hilfe leisten, sogar wenn sie selbst dadurch nicht gefährdet würden, diese Phänome- ne finden sich nicht nur in den Ge- schichtsbüchern, sondern auch immer wieder in den Massenmedien. Ein Bei- spiel unterlassener Hilfeleistung wurde sogar weltberühmt: Der Mord an der New Yorkerin Catherine (Kitty) Ge- novese 1964 erfolgte in drei Etappen. Die 28-Jährige wurde spät in der Nacht von einem Mann mit einem Messer at- tackiert, sie schrie laut um Hilfe, zwei Mal flüchtete der Attentäter, weil in den umliegenden Wohnungen die Lichter angingen – und kam immer wieder zu- rück. Die „New York Times“ brachte ei- ne Artikelserie über das Fehlverhalten der ZuschauerInnen. Ganz New York war empört.1 Der Vorfall inspirierte die beiden Psychologen John Darley und Bibb Latané zu mehreren Experimenten: Sie setzten StudentInnen jeweils allein in einen Raum und ließen diese dort in ein Mikrofon von den Herausforde- rungen des Studiums erzählen. Die For- scher behaupteten, in den anderen Räu- men säßen ebenfalls StudentInnen mit der gleichen Aufgabe. Jede/r Einzelne konnte alle anderen hören, die Verstän- digung untereinander war aber nicht möglich. In Wirklichkeit kamen die Stimmen, die nun der Reihe nach er- zählten, vom Tonband. Einer dieser (Tonband-)Studenten berichtete, er sei Epileptiker – und tatsächlich konnten kurz darauf seine KommilitonInnen via Kopfhörer einen Anfall live mitverfol- gen. Der Epileptiker bat um Hilfe, aber nur 31 Prozent der StudentInnen halfen tatsächlich. Dann verkleinerten Darley und Latané die vorgebliche Gruppe suk- zessive. Je weniger die Studenten das Ge- fühl hatten, sich auf andere verlassen zu können, desto eher schritten sie ein. Im- merhin 85 Prozent der TeilnehmerInnen holten Hilfe, sobald sie dachten, dass außer ihnen niemand anderer den Anfall mitbekam. Nur nicht auffallen Menschen reagieren selbst dann überra- schend passiv, wenn es um ihr eigenes Wohlergehen geht. In einem zweiten Versuch bliesen die beiden Wissenschaf- ter Rauch in einen Raum, in dem eine Gruppe Studenten saß. Die ahnungslo- sen TeilnehmerInnen wurden angesichts des Rauchs, der durch den Raum wogte und Husten auslöste, sichtlich nervös, unternahmen aber schließlich nichts, weil sie sich an ihren (in das Experiment eingeweihten) Kolleginnen und Kolle- gen orientierten, die so taten, als gäbe es keinerlei Grund zur Beunruhigung. Be- fanden sich die ProbandInnen allein im Raum, reagierten die meisten hingegen relativ rasch und adäquat auf die Rauch- entwicklung. Aus der Reihe zu tanzen, sich gegen die (schweigende) Mehrheit zu stellen bzw. – wissenschaftlich formu- liert – dem informativen sozialen Ein- fluss der Gruppe zu widerstehen, das scheint die meisten Menschen extreme Überwindung zu kosten. Sobald sich ei- ne Gruppe von Personen in einer mehr- deutigen, schwer einschätzbaren Situa- tion befindet, versuchen die Anwesen- den aus der Beobachtung der jeweils anderen Hinweise auf mögliches sinn- volles Verhalten zu bekommen. Wenn diese aber ebenfalls ratlos sind, entsteht die sogenannte pluralistische Ignoranz. In mit versteckter Kamera ge- filmten, angeblichen Notfallsituationen (Pöbeleien, Erkrankungen etc.) zeigt sich immer wieder, dass die meisten Menschen zwar nicht spontan eingrei- fen, aber keineswegs gleichgültig blei- ben, sondern unsicher werden, ob sie handeln sollen, letztendlich wegschau- en oder gehen. Findet sich auch nur eine Person, die die Initiative ergreift, so gerät plötzlich Bewegung in die Szene und mehrere werden aktiv. Sicher helfen Zum Glück gefährdet man heute in westlichen Zivilisationen nur in raren Ausnahmesituationen Leib und Leben, wenn man sich für andere einsetzt oder Besser Vorbild als HeldIn Hinschauen, zur eigenen Meinung stehen, Ängste überwinden, Unterstützung bieten, helfend eingreifen – Zivilcourage verlangt uns einiges ab. Autorin: Astrid Fadler Freie Journalistin 1 Der Fall Catherine Genovese wurde kürzlich unter dem Titel 38 Zeugen in Frankreich verfilmt.