Arbeit&Wirtschaft 6/201228 Schwerpunkt D er Ausdruck „Angst“ stammt vom griechischen Verb „agchein“ und dem lateinischen „angere“ ab. Beides heißt übersetzt soviel wie „würgen“, „die Kehle zuschnüren“. Jeder kennt dieses Gefühl, nicht zuletzt, wenn es um das unausweichliche Ende geht: Das einzig Sichere im Leben ist der Tod. Todes- angst kann somit als die Urangst des Men- schen bezeichnet werden. Die Philosophie befasst sich deshalb seit jeher intensiv mit den Phänomenen Angst und Tod. Vorweg ist festzuhalten, dass der Tod nur dann ein wirkliches Problem ist, wenn wir ihn als das irreversible Ende des Lebens betrach- ten. Sprich: Wer an das „ewige Leben“ glaubt, wird vor dem Tod wenig Angst ha- ben. Wenn man aber annimmt, der Tod lösche die eigene Existenz und Individua- lität unwiederbringlich aus, kann einen schon ein unangenehmes Gefühl beschlei- chen ... die Angst vor dem Tod. Das Sein-zum-Tode Im Wörterbuch der Philosophie von Rai- ner Hegenbart tritt der Tod schlicht und einfach in dem Moment ein, in dem ein Lebewesen keine Lebenssignale mehr er- kennen lässt und damit aufhört, als Indi- viduum zu bestehen. Heute hat sich in der Medizin die Definition durchgesetzt, dass der menschliche Tod vorliegt, wenn keine Gehirnströme mehr gemessen werden kön- nen. Zuvor waren Wegfall von Herzschlag und Atmung als entscheidende Indikatoren angenommen worden. Philosophische Le- xika beschreiben Angst wiederum als see- lische und körperliche Beklemmung, die durch natürliche oder gesellschaftliche Umstände ausgelöst wird. Platon und Aris- toteles begriffen Angst in der Antike noch primär als physische Reaktion, die sich auf konkrete Objekte bezieht. Diese Definiti- on lässt sich besser als Furcht bezeichnen, die klar auf eine äußere Gefahr hin ausge- richtet ist, hingegen gilt Angst als unbe- stimmt. Der abendländische Kirchenvater Augustinus sah die Angst als eine der menschlichen Hauptleidenschaften. Er un- terschied die niedrige Furcht vor Strafe von der höher bewerteten Furcht vor Schuld aus Ehrfurcht vor Gott. Der dänische Phi- losoph und Theologe Sören Kierkegaard gilt als Urvater des Existenzialismus und betrachtete Angst als Wesensmerkmal menschlichen Denkens und der Willens- freiheit. Im Sprung in den Glauben soll sie laut Kierkegaard überwunden werden. Angst spielt gerade in der Existenzphiloso- phie eine gewichtige Rolle, hier gilt sie als Grundbestand des Daseins und ist Aus- druck der Einsamkeit des Menschen und der unaufhebbaren Tragik des Mensch- seins. Für den deutschen Existenz-Philo- sophen Martin Heidegger war sie eine Grundbefindlichkeit, in der das Dasein auf sich selbst zurückgeworfen wird. Heidegger meint sogar in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“, die menschliche Grunderfah- rung sei Angst. Der Mensch ängstige sich nicht so sehr vor dem Seienden (also allem, was ihm im Leben widerfährt), sondern vor dem eigenen Nicht-Sein, also dem Tod. Das Dasein ist für Heidegger somit ein Sein-zum-Tode. In der Philosophie Sartres erfährt der Mensch die Angst durch seine Freiheit, sein eigenes Sein negieren zu kön- nen; der Mensch ängstigt sich vor sich selbst, wenn er erkennt, dass sein Denken und Handeln nicht durch äußere oder in- nere Ursachen determiniert ist. Dazu sagt Sartre: „Eines Tages wird mein Leben auf- hören, aber ich will auf keinen Fall, dass es durch den Tod beladen wird.“ Der große französische Existenzialist wehrt sich hier gegen Jenseitsvorstellungen und Vertrös- tungen der verschiedenen Religionen, die ja immer von Geboten begleitet werden. Sartre meint: „Da nun einmal der Tod et- was so Natürliches ist, wie das Leben, wa- rum denn sich so sehr vor dem Tod fürch- ten? Die Menschen fürchten sich vor dem Tod wie sich die Kinder vor der Dunkelheit fürchten, und nur deswegen, weil man ihre Phantasie mit ebenso nichtigen wie schrecklichen Gespenstern angefüllt hat.“ Wir sehen: Tod und Angst treten in der Philosophiegeschichte immer wieder im Duett auf, doch wie erklären die Philo- sophen den Tod selbst? Die antike Stoa sah wie die Epikureer Angst als künstliche Emotion an, der mit Gelassenheit (Atara- xie) zu begegnen sei. Die Epikureer streb- ten einen angstfreien Zustand an, indem sie zu zeigen versuchten, dass der Tod den Bangen vor dem Ende Ihm kann sich niemand entziehen, er kommt auf leisen Sohlen oder mit brachialer Gewalt: Der Tod. Wie geht die Philosophie mit der Angst vor Tod und Sterben um? Autor: Harald Kolerus Freier Journalist B u c h t i p p Konrad Paul Liessmann (Hg.) Grundbegriffe der euro- päischen Geistesgeschichte Fakultas, 2009, 1.280 Seiten, € 79,90 ISBN 978-3-7089-0464-1 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at