Arbeit&Wirtschaft 6/201240 Schwerpunkt W eltumspannend arbeiten – der entwicklungspolitische Verein im ÖGB – organisierte im März 2012 bereits zum zweiten Mal eine Begegnungsreise für österreichische Betriebsrätinnen und Betriebsräte sowie GewerkschafterInnen in die Volksrepu- blik China, um die dortigen betriebsrät- lichen und gewerkschaftlichen Struk- turen zu erkunden. Der Informations- und Erfahrungsaustausch mit Kolle- ginnen und Kollegen in der Volksrepublik China hat uns geholfen, Zusammenhän- ge zu erkennen und auch besser zu ver- stehen. Neben Betriebsbesuchen wurden ArbeitnehmervertreterInnen und Ge- werkschaften besucht, aber auch Infor- mationen von ArbeitsrechtsexpertInnen und zivilgesellschaftliche Gruppen ein- geholt. Die Reise führte von Shanghai (HOERBIGER, AVL List Technical Center, SKF Automotive Technology) über Suzhou (Miba Precision Compon- ents), Nanjing (Lenzing Nanjing Fibres, Linz Textil) nach Peking (PharmOps China – Beijing Novartis Pharma). Sie ist Teil des Projektes „Von der Werkbank zur Weltbank – Chinas neue Rolle ver- ändert die Welt“ von welt umspannend arbeiten und wurde durch die Austrian Development Agency gefördert. Angst vor Arbeitsplatzverlust Es ist keine Neuigkeit, dass Unterneh- men oft sehr gekonnt Druck auf ihre MitarbeiterInnen ausüben, indem sie das Damoklesschwert der Standort- schließung über ihre Arbeitsplätze hän- gen. Kein Wunder, dass China von vie- len als die „gelbe Gefahr“ wahrgenom- men wird und die Angst groß ist, dass „die Chinesen“ uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Aber ist das so? Erlaubt die Tatsache, dass ein neues SKF-Werk in Dalian eröffnet wurde, den Rückschluss, dass Arbeitsplätze in Österreich wegfal- len? Ist eine geplante Verdoppelung der Produktion bei Miba Precision Compo- nents in Suzhou ein Hinweis darauf, dass Stellen bei uns abgebaut werden? Ist ei- ne Erweiterung der Produktionslinien bei Lenzing Nanjing Fibres der erste Schritt in Richtung Arbeitsplatzabbau in Österreich? Direktbegegnungen entschärfen In allen besichtigten Unternehmen wur- de uns bestätigt, dass die Produktion für den Binnenmarkt erfolgt und die Wert- schöpfung somit in China bzw. Asien bleibt. Für den Markteintritt sei es jedoch unerlässlich, vor Ort zu sein. So erzählt Miba-Betriebsrat Forstner: „Wir hätten keine Chance in China, wenn wir nicht in China produzieren lassen würden.“ Auch Lenzing fürchtet keine Unterneh- mensverlagerungen: „Die Weltbevölke- rung steigt und der Bedarf an Fasern wächst, somit ist es positiv für uns, wenn wir neue Märkte erschließen.“ Laut Auskunft von Arnulf Gressel (AußenhandelsCenter in Peking) sind Österreichs wichtigste Exportwaren nach wie vor Maschinen und Anlagen, elektronische Maschinen und Geräte, Mess- und Prüfgeräte, Spezialfahrzeuge, Fahrzeugkomponenten und Lieferun- gen an die Eisenbahnindustrie. Bei un- seren Besichtigungen konnten wir uns auch selbst davon überzeugen. Es wurde an Maschinen gearbeitet, die in Öster- reich bzw. Europa hergestellt und auch bei uns eingesetzt werden. SKF-Be- triebsrat Farthofer bestätigt: „Der chine- sische Standort könnte theoretisch über- all auf der Welt sein, weil er dem österreichischen so ähnelt.“ Angst über- komme ihn trotzdem keine, da im Werk ausschließlich für China produziert wer- de und das österreichische Arbeitstempo hier nicht gehalten werden könne. Was auch Hoerbiger-Betriebsrat Molnar be- ruhigt: „Das Management in Österreich erzählt uns, die Chinesen würden schneller und produktiver arbeiten, um uns unter Druck zu setzen. Jetzt haben wir gesehen, dass es in unserem chine- sischen Werk eigentlich viel gemütlicher zugeht.“ Kern-Know-how in Österreich Das Kern-Know-how ist nach wie vor in Österreich, und das soll in den nächsten Jahren auch so bleiben, wie uns Novartis- Betriebsrätin Stipanovsky bestätigt: „Ver- schiedenes muss ohnehin in Österreich produziert werden, weil China noch nicht auf dem technischen Stand Öster- reichs ist.“ Forschung und Entwicklung ist noch immer der klare Wettbewerbs- vorteil der besuchten Unternehmen. In den nächsten Jahren sollte niemand um seinen Arbeitsplatz fürchten müssen, erklärt AVL-Betriebsrat Wimmler: „Was AVL in anderen Ländern macht, geht nicht auf Kosten der ArbeitnehmerIn- nenentwicklung in Österreich.“ Anders Autorin: Eva Prenninger weltumspannend arbeiten China – die gelbe Gefahr? „Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.“ (Chinesisches Sprichwort)