Arbeit&Wirtschaft 9/201216 Schwerpunkt Vorhersagen sind schwierig … … besonders wenn sie die Zukunft betreffen (Niels Bohr). Dieser Ausspruch leitete 2009 den Bericht „The World in 2025“ der Europäischen Kommission ein. G eht es um die Zukunftsforschung, kann man es wie Winston Churchill einst formulieren: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen“ oder einfach von historischer Analogie sprechen. Die Entwicklungen der Vergan genheit spie - len auch in der Zukunfts forschung eine wichtige Rolle und stellen den Aus- gangspunkt für zukünftige Sze narien dar. Doch die Kombination mit gesell- schaftlichen Trends und die Ein- berechnung von sogenannten „Wild- cards“, also unvorhersehbaren Ereignis - sen wie Kriegen, Pandemien oder auch Innovationen, lassen auf unsere Zukunft schließen. Vorhersagen bieten Denkanstöße Diese „Foresight“-Aktivitäten, die nicht nur von der Europäischen Kommission, sondern auch von einzelnen Ländern wie Schweden, Frankreich und Dänemark un- ternommen werden, vereinen Experten- information mit Interessensgruppen und beziehen außerdem die direkt handelnden politischen AkteurInnen mit ein, die die Ergebnisse umzusetzen vermögen. In Stein sind solche „Vorhersagen“ je- doch nicht gemeißelt – sie sollen lediglich neue Denkansätze bieten und dazu dienen, herkömmliche Zukunftserwartungen zu hinterfragen. Daher ist es sehr fragwürdig, Berichte über die Zukunftsforschung als hysterische Prophezeiungen zu bezeich- nen, da sie mehr als ein Frühwarnsystem verstanden werden sollten. Trends und Veränderungen: » Die EU wird überaltern und damit den höchsten Bevölkerungsanteil an über 65-Jährigen in der Welt aufweisen. 2030 werden für jede pensionierte Person zwei Menschen im Arbeitsleben stehen (im Ver- gleich zu 2008: vier Personen/Pensionis- tIn). Durch den demografischen Übergang könnten aber auch neue Marktchancen aufkommen (Medizin, Soziales). » Politische, wirtschaftliche und auch kli- matische Verhältnisse sowie die Verslu- mung in vielen Städten der Entwicklungs- länder heizen die Migration an. Ohne ver- mehrte Immigration in die EU wäre jedoch mit einer Bevölkerungsabnahme in den Mitgliedstaaten zu rechnen. Durch ihre Vielfalt könnte die EU auch eine wichtige Rolle in internationalen Beziehungen einnehmen. » Durch das Aufkommen neuer Akteure in der Weltpolitik (Asien) werden die west- lichen Industrienationen an Gewicht in der Weltwirtschaft verlieren (auch in Bezug auf den Technologie- und Wissensvorsprung). Es ist außerdem wahrscheinlich, dass neue politische Systeme die Nationalstaaten ab- lösen und ein weltumspannendes Regie- rungssystem entsteht. Der Rat der Weisen – Club of Rome Weiter in die Zukunft blickt die nichtkom- merzielle und multikulturelle Organisation „Club of Rome“, die schon 1972 mit „Die Grenzen des Wachstums“ weltweite Beach- tung fand. „2052: A Global Forecast for the Next Forty Years“, ein Bericht, der 2012 erschienen ist, beleuchtet die Möglichkei- ten der zukünftigen 40 Jahre. Mitglieder des „Club of Rome“ – ForscherInnen, ÖkonomInnen und Industrielle, jedoch keine hochrangigen PolitikerInnen – haben sich „die gemeinsame Sorge und Verant- wortung um bzw. für die Zukunft der Menschheit“ zum Ziel gesetzt. Wird die Welt kollabieren? Diese Frage soll nach J?rgen Randers, Professor an der BI Nor- wegian Business School, dem Hauptautor des Buches, nicht beantwortet, sondern erstmals gestellt werden. Er zeigt mögliche Szenarien auf, die dazu führen könnten, dass der Weltkollaps in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts auf uns zukommt. Debatten ohne Handlungen Besonders in der Kritik stehen die langsa- men und kurzsichtigen Entscheidungsme- chanismen, auf die, wie die Debatten über Nachhaltigkeit zeigten, kaum Handlungen folgten. Der „Human Short-Termism“, der besonders im Kapitalismus und der Demo- kratie vorherrsche, könne sich nicht den zukünftigen Herausforderungen stellen, die nur mit längerfristig angedachten Innova- tions- und Investitionslösungen zu meistern seien. Eine Ablösung dieser Systeme durch ein „Strong Government“ könne theore- tisch dieses Dilemma lösen, jedoch prak- tisch sei es schwer umzusetzen. Theoretisch sollten, nach Ansicht des Autors, mehr su- pranationale Institutionen wie Zentralban- ken über die zukünftigen Entwicklungs- richtungen entscheiden. Die EU kann nicht mehr als historische Schicksalsgemeinschaft verstanden werden und muss den Weg in eine zukunftsorientierte Erfolgsgemein- schaft antreten, so die Autoren des Szena- Autorin: Lisa Seidl Freie Journalistin