Arbeit&Wirtschaft 9/201220 Schwerpunkt Die Jugend von heute „Erwartungen – Die Zukunft der Jugend“ – unter diesem Motto stand das Forum Alpbach 2012. W enn man nicht aufpasst, kommt es einem schnell über die Lip- pen – obwohl man sich selbst noch nicht zum alten Eisen zählt: „Die Jugend von heute“ ist eine oft strapazierte Phrase für alles, was man an den jüngeren Semestern nicht versteht oder goutiert. Und doch sind die Anlie- gen der Jugend nicht nur Übermut oder Leichtsinn. Sie sind „Erwartungen – Die Zukunft der Jugend“. Unter diesem Titel trafen sich beim „68. Europäischen Fo- rum Alpbach 2012“ PolitikerInnen, Ex- pertinnen und Experten sowie Jugendli- che, um Fragen nach dem Ist-Zustand und der Zukunft der Jugend nachzuge- hen. Dabei wurde wieder eine soziolo- gische Binsenweisheit bestätigt: DIE Ju- gend gibt es nicht. Sie ist eine extrem he- terogene Masse, die zwar durch das Le- bensalter einen gemeinsamen Nenner hat, sich sonst aber durch unterschiedlichste Interessen, Ausbildungen und Arbeitssi- tuationen, familiäre Konstellationen und auch Ideen, Vorstellungen, Wünsche, Vor- lieben und Abneigungen auszeichnet. Anpassung aus Kalkül Einer, der genauer hinter die Fassade blickt, ist Bernhard Heinzlmaier, Gründer und Vorsitzender des Instituts für Jugend- kulturforschung in Wien sowie Leiter des Marktforschungsunternehmens tfactory in Hamburg. Sein Vortrag beim Forum Alpbach mit dem Titel „Keine Mission, keine Vision, keine Revolution?“ zeichnet ein nicht gerade rosiges Bild der Lebens- situation junger Menschen. „Die Jugend- lichen sagen, sie sind optimistisch und glücklich, weil sie dazu verpflichtet wur- den das zu sagen. Dahinter verbirgt sich ein trauriges, unerfülltes Leben, das durch die Inszenierung überspielt wird. Es geht um Anpassung aus Kalkül.“ Denn die Ju- gendlichen müssen jeden Tag zu hundert Prozent für sich selbst kämpfen, sie brau- chen ihre ganze Energie für den Konkur- renzkampf an der Uni, in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt. Da bleibt nicht viel, um sich für ein Gemeinwesen oder große Zukunftsutopien einzusetzen. Tiefer kann niemand sinken Der herrschende politische Pragmatis- mus, der relativ ideologiefrei Regierungs- geschäfte betreibt und Entscheidungen in erster Linie nach Maßgaben der betriebs- wirtschaftlichen Vernunft trifft, provo- ziert eine Anpassung der Jugendlichen an das Prekäre – die kostengünstigste Vari- ante, die Hoffnungslosigkeit auf nied- rigstem Niveau, so Heinzlmaier. Die Ju- gendlichen seien „eine Gruppe, deren Arbeitskraft für das Verwertungsinteresse des Kapitals irrelevant geworden ist, und die am untersten Ende der sozialen und Statushierarchie angelangt ist. Tiefer kann niemand sinken.“ Kein Wunder also, dass es kein Vertrauen mehr in den Markt gibt und kein Vertrauen in die Po- litik, dass sie diesen Markt stoppen kann. Und selber kann man es ja nicht machen, denn man ist damit beschäftigt, in der Realität zu bestehen – ein „Diktat der Selbstverwirklichung“. Heinzlmaier dia- gnostiziert bei vielen jungen Menschen ein „erschöpftes Selbst“, das daran ver- zweifle, aus eigener Freiheit alles selbst gestalten zu müssen. Den politischen Vertretungen wird nicht zugetraut, dieses Dilemma zu lösen. „Wenn ich in meinem Alter als Zukunftshoffnung der Partei ge- handelt werde, dann läuft etwas falsch“, so SPÖ-Sozialminister Rudolf Hunds- torfer, 60 Jahre alt, beim Forum Alpbach. Allerdings muss „ein Politiker, der die In- teressen der Jugendlichen vertritt, nicht zwangsläufig jung sein“, wie Bernhard Achitz, Leitender Sekretär des ÖGB, rela- tiviert. „Unsere gewerkschaftlichen Zu- kunftshoffnungen sind die Betriebsrä- tinnen/Betriebsräte und Jugendvertrau- ensrätinnen/Jugendvertrauensräte, die die Interessen ihrer Kolleginnen und Kol- legen vertreten.“ Noch nie hatten Jugendliche so viele Möglichkeiten sich zu entwickeln und ihr Leben zu gestalten – oder daran zu verzweifeln. Viele Jugendliche möchten noch immer einen sicheren Job haben, das Ideal der Beamtenkarriere ist nach wie vor stark vertreten. Sie wollen die Autor: Martin Haiden Freier Journalist B u c h t i p p Wolfgang Kraushaar Der Aufruhr der Ausgebildeten Vom Arabischen Frühling zur Occupy-Bewegung. Hamburger Edition, 2012, 255 Seiten, € 12,40 ISBN 978-3-8685-4246-2 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at