Arbeit&Wirtschaft 9/201224 Schwerpunkt Europas Kinder Sie sind aufgewachsen mit dem Euro, offenen Grenzen, internationalen Austausch- programmen und ohne Ostblock. M ehr als 740 Mio. Menschen le- ben in Europa, davon über 500 Mio. EU-BürgerInnen. Vielen ÖsterreicherInnen wurde erst durch die Fußball-WM so richtig be- wusst, dass die Ukraine zu Europa gehört. Christa, 51, hat als Kind mit ihren Eltern so manchen Urlaub in einem jugoslawi- schen Badeort verbracht: „Jetzt heißt das ja Kroatien oder eher Slowenien, keine Ahnung, das muss ich einmal auf der Karte nachschauen.“ Oder einfach im Internet checken – moderne Technolo- gien bringen uns die Welt näher, News aus den USA erreichen uns fast genauso schnell wie Nachrichten aus Europa. Und auch wir selbst können schnell und rela- tiv kostengünstig unterwegs sein, per Flugzeug oder mit dem Auto. Für einen Liter Benzin musste ein Industriearbeiter 1960 rund 14 Minuten arbeiten, 1980 waren es 7,5 Minuten und 2010 ca. fünf Minuten. Waren vor 50 Jahren noch Bi- bione oder Caorle begehrte Reiseziele, so ist heute der Radius von TouristInnen jeden Alters deutlich größer. Bei Famili- enfeiern tauschen sich Oma und Enkel über ihre Reiseeindrücke aus. Walz 2.0 Arbeiten im Ausland war viele Generati- onen hindurch fast gleichbedeutend mit Flucht vor schwierigen wirtschaftlichen oder politischen Verhältnissen und hatte oft etwas Endgültiges. Herumzureisen, um Land und Leute kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln, das war nur in Ausnahmefällen möglich: in der Touris- musbranche etwa oder während der Ge- sellenwanderung, die beispielsweise als im Spätmittelalter eingeführte Walz (Tippe- lei) bis zur beginnenden Industrialisie- rung Pflicht vor der Meisterprüfung war und während der 1980er-Jahre wiederbe- lebt wurde. Gesellen, die sich dafür ent- scheiden, müssen ihrem Heimatort min- destens drei Jahre und einen Tag fernblei- ben und dürfen nicht länger als sechs Monate im selben Unternehmen arbeiten. Unterwegs sein aus beruflichen Gründen – auch außerhalb Europas und ohne Gesellenprüfung –, das ist für im- mer mehr junge Menschen ganz normal. Besonders günstig sind die Bedingungen dafür natürlich innerhalb der EU, vieles ist harmonisiert (auch wenn manches dann in der Praxis nicht ganz reibungslos funktioniert), Auslandspraktika für Stu- dentInnen und Lehrlinge werden von der EU gefördert – insgesamt ideale Vo- raussetzungen, um eine Identität als Eu- ropäerIn zu entwickeln. Unbekanntes Österreich Mario F., 32, ist in Wien geboren und hat hier studiert, derzeit lebt er in Ams- terdam: „Ich bezeichne mich als Wiener, nicht als Österreicher, denn ich kenne beispielsweise Santiago de Chile, wo ich ein Jahr lang gelebt und gearbeitet habe, sicher besser als unsere Landeshaupt- städte.“ Seine Kollegin Sarah, 29, sieht das ähnlich: „Mit den Österreich-Kli- schees – Dirndl, Lederhosen, Berge und Schnee – kann ich sowieso wenig anfan- gen. Ich bin Wienerin, so richtig als Eu- ropäerin fühl ich mich vor allem dann, wenn ich in Übersee bin. Wobei mir die Vorteile der EU, auch dass wir beim Rei- sen innerhalb Europas kein Visum brau- chen, schon bewusst sind.“ Agron G., 29: „Für mich war die Ver- änderung durch die EU sehr groß. Es ist viel einfacher, frei zu reisen, die gemein- same Währung macht vieles leichter. Und ich kann jetzt grenzüberschreitend nach dem Job suchen, den ich wirklich machen will.“ Von Facebook bis Couchsurfing Abseits von Jobs und Ausbildung gibt es heute neben Facebook und Co. auch zahl- reiche reale Möglichkeiten zum interna- tionalen Austausch. Mit dem Gast- freundschaftsnetzwerk Couchsurfing bei- spielsweise kann man weltweit kostenlos in Privatwohnungen und WGs übernach- ten und so rasch fremde Kulturen ken- nenlernen. In Sachsen-Anhalt findet seit Beginn der 1990er-Jahre jeden Sommer das Eurocamp mit rund 70 Jugendlichen aus ganz Europa statt. Drei Wochen lang werden Diskussionen und Vorträge orga- nisiert, Kurzfilme gedreht, Deklarationen Autorin: Astrid Fadler Freier Journalistin B u c h t i p p Mein Europa Wissen – Verstehen – Mitreden Diese und andere Publika- tionen sowie Broschüren, Folder, DVDs, CDs sowie Online-Publikationen und Videos finden Sie entweder zum Gratis-Download oder zur Bestellung unter: tinyurl.com/bu74k4d