Arbeit&Wirtschaft 9/201232 Schwerpunkt Ü ber zwei Jahrzehnte ging die Pen- sionsdebatte nur in eine Richtung – nämlich die neoliberale. In der Medienlandschaft dominierten „Experten“, welche Reformen forderten und das staatliche Pensionssystem schlecht- redeten. Vor allem von dieser Seite wurde bisher jeder auch noch so tiefe Einschnitt in unser gewachsenes Vorsorgesystem als unzureichend abgetan. Global betrachtet forcierten viele Länder sogenannte „Misch- systeme“ (Mehrsäulenmodelle). In man- chen Staaten ging man einen Schritt wei- ter: Dort wurde die Pensionsvorsorge voll- ständig privatisiert, also auf private Pen- sionsfonds umgestellt. Auch in Österreich protegierte der Staat (vor allem unter Schwarz-Blau) zunehmend Modelle zur privaten Vorsorge durch Prämien bzw. steuerliche Begünstigungen. Doch dieser Trend entpuppte sich inzwischen als fa- taler Irrweg. „Durch die Bank nicht positiv“ Eine aktuelle – von der AK Tirol beim VKI (Verein für Konsumenteninforma- tion) in Auftrag gegebene – Studie wirft ein grelles Schlaglicht auf die Welt der privaten Vorsorgemodelle. Während die AnbieterInnen von der Prämiensumme neun Prozent an Provisionen kassieren (!), wird die Performance der Produkte bei utopischen sieben bis acht Prozent angenommen.1 Nur 40 Minuten dauert durchschnittlich ein Beratungsgespräch über diese komplexe Materie. In 60 Pro- zent der Fälle wird dabei nicht einmal thematisiert, ob sich der/die zu Versi- chernde die monatliche Prämie über- haupt leisten kann. Der Tiroler AK-Prä- sident Erwin Zangerl fällt in dieser Causa ein vernichtendes Gesamturteil: „Die Studie hat gezeigt, dass sich unsere Vorbehalte gegenüber privaten Pensions- vorsorgeprodukten leider bewahrheitet haben. In Wirklichkeit haben daran ei- nige private Anbieter massiv verdient. Es wurde den ArbeitnehmerInnen perma- nent eingeredet, dass das staatliche Pen- sionssystem nicht ausreicht und private Zusatzpensionen als dritte Säule nötig sind. Das Fazit der Studie: Profitiert ha- ben die Versicherer und nicht die Versi- cherten.“ Auch Studienautor Walter Hager stellt letztlich fest, dass sämtliche getestete Produkte als „durch die Bank nicht positiv“ einzustufen sind. Alterssicherung und Finanzmarkt Die Experten David Mum (GPA-djp) und Erik Türk (AK Wien) betrachten den Trend, die Alterssicherung den Fi- nanzmärkten auszuliefern, generell als Fiasko.2 Allein 2008 haben – laut OECD-Bericht – Pensionsfonds welt- weit 23 Prozent ihres Werts verloren. In Schweden betrug dieser Verlust bei der kapitalgedeckten Säule des Pensionssys- tems sogar 34 Prozent. Während die un- mittelbaren Verluste durch Leistungs- kürzungen oder hohe finanzielle Nachschüsse ausgeglichen werden müs- sen, setzt nur langsam ein Umdenken ein. So wurden in Ungarn oder in Argen- tinien Pensionsprivatisierungen zwar de facto zurückgenommen, vor allem auf internationaler Ebene haben aber laut Mum und Türk die „Proponenten einer Kapitaldeckung keine Lehren gezogen“. Weiter forciert zum Beispiel namentlich die OECD Modelle, bei welchen (pri- vate) Pensionsbeiträge auf dem Kapital- markt angelegt werden. Keine Lehren gezogen Besonders bemerkenswert erscheint, dass die OECD in der zitierten Studie („Pensions at a Glance“) zwar selbst ein- räumt, dass die Krise „umso größere Auswirkungen auf die Pensionen hat, je stärker auf Kapitaldeckung gesetzt wur- de“. Gleichzeitig meint die Organisation an anderer Stelle jedoch, dass zumindest an Mischsystemen (Mehrsäulenmodel- len) festzuhalten ist, um allgemeine Ri- siken besser zu verteilen, also – angeblich – zu mindern. Mum und Türk wider- sprechen vor allem dieser Annahme ve- hement: Jede Aufweichung des ver- gleichsweise stabilen Umlagesystems, also auch die nur teilweise Verlagerung auf die Märkte, erhöh(t)e die Instabili- tät. Umgekehrt begünstige die Bindung Autor: John Evers Historiker und Erwachsenenbildner Pensionsdebatte neu denken Gerade in Krisenzeiten ist ein stabiles und solidarisches Pensionssystem notwendig. B u c h t i p p Susanne Spreitzer Gut versichert VKI Verein für Konsu- menteninformation, 2012, 132 Seiten, € 14,90 ISBN 978-3-99013-016-2 Bestellung: ÖGB-Fachbuchhandlung, 1010 Wien, Rathausstr. 21, Tel.: (01) 405 49 98-132 fachbuchhandlung@oegbverlag.at