Arbeit&Wirtschaft 9/201236 Schwerpunkt D ie betroffenen Reaktionen auf den Konjunktureinbruch des heuri- gen Jahres und die immer lauter werdenden Rufe nach Wachstums- ankurbelung zeigen es. Noch immer gilt ein einziger Indikator, n�mlich das BIP- Wachstum, also die Steigerungsrate des Bruttoinlandsprodukts, als Zielgr��e (wirtschafts-)politischen Handelns und als Ausweis f�r dessen Erfolg. Wenn auch mittlerweile mit Adjektiven wie �intelli- gent, nachhaltig und integrativ� (�Euro- pa 2020�) versehen, ist dies eine sehr un- differenzierte Ma�zahl, die nicht zwi- schen W�nschenswertem und Abzuleh- nendem unterscheidet. Mit dem katego- rischen �Mehr Wachstum!� wird jede Diskussion �ber die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Wirtschaftswachstum ebenso wie die Frage nach seinem �ber- haupt noch erreichbaren Ausma� in den Hintergrund gedr�ngt. Dabei soll nicht behauptet werden, dass kein oder nur schwaches Wirt- schaftswachstum nicht eine Reihe von Problemen mit sich bringt. Augen- scheinlichstes Beispiel ist die zurzeit in ganz Europa steigende Arbeitslosigkeit. Nat�rlich sind auch die Konsolidierung der Staatsfinanzen und die Herausforde- rungen des demografischen Wandels in Zeiten einer boomenden Konjunktur leichter zu bew�ltigen als in der aktu- ellen Flaute. Dass global gesehen in vie- len L�ndern die Volkswirtschaften zu wenig leistungsf�hig sind, um elemen- tare Bed�rfnisse der gesamten Bev�lke- rung befriedigen zu k�nnen, und daher wachsen m�ssen, soll ebenfalls au�er Zweifel gestellt werden. Dennoch w�re es schon allein aus Gr�nden der offensichtlich schrump- fenden Wachstumspotenziale hochent- wickelter Volkswirtschaften angebracht, ihre Orientierung an und ihre Abh�n- gigkeit von hohem BIP-Wachstum zu hinterfragen. Die Wirtschaftsforsche- rInnen gehen zwar von einer leichten Erholung der Konjunktur ab 2013 aus, die angestrebte und als notwendig er- achtete Dynamik l�sst sich jedoch nicht erkennen. Das Institut f�r H�here Stu- dien (IHS) beispielsweise erwartet in seiner j�ngsten mittelfristigen Prognose f�r die Jahre 2012 bis 2016, dass in die- sem Zeitraum das �sterreichische BIP pro Jahr um nicht mehr als 1,7 Prozent und damit um ein Drittel langsamer als im Durchschnitt der drei Jahrzehnte vor 2009 wachsen wird. Ber�cksichtigt man zus�tzlich die in der Finanz- und Wirt- schaftskrise entstandenen Verluste an Wirtschaftsleistung, wird zwischen 2008 und 2016 die durchschnittliche Wachstumsrate nur halb so hoch wie in der Vergangenheit sein. Bescheidene Wachstumsaussichten �sterreich steht damit in der industria- lisierten Welt nicht allein. Aufgrund der bekannten Probleme sind die Wachs- tumsaussichten des gesamten Euro- raumes zumindest auf einige Jahre hi- naus bescheiden, und �sterreich wird hier in Zukunft sogar zu den �berdurch- schnittlich wachsenden L�ndern z�hlen. Die japanische Wirtschaft ist schon in den letzten zwanzig Jahren nur noch um weniger als ein Prozent pro Jahr gewach- sen und hat keine besseren Perspektiven als Europa. Auch die Dynamik der US- �konomie hat nachgelassen. Es w�re also Zeit f�r einen Plan B, der nicht al- lein auf Wachstum setzt und zum Bei- spiel Arbeitszeitverk�rzung und Umver- teilung als Beitr�ge zur L�sung der Be- sch�ftigungs- bzw. Verschuldungsfrage ernsthaft ins Spiel bringt. Generation Praktikum Selbst ein hohes und rasch wachsendes BIP l�st nicht automatisch soziale Pro- bleme. Die �Generation Praktikum� etwa ist bereits in Zeiten der Hochkon- junktur entstanden. Bei der Armut in reichen Gesellschaften handelt es sich nicht um die Folge eines absoluten Mangels an G�tern und Dienstleis- tungen. Sie ist ebenso wie die sinkende Lohnquote eine Verteilungsfrage. Daher n�tzt es beispielsweise einem US-Ame- rikaner der untersten Einkommens- gruppe nichts, in einem Land mit einem doppelt so hohen Pro-Kopf-BIP zu le- ben wie ein vergleichbarer B�rger Tsche- chiens. Er verf�gt absolut �ber kein h�- heres Einkommen als dieser. Sp�testens seit dem ersten Bericht des �Club of Rome� aus den 1970er-Jah- ren wissen wir auch, dass in einer be- grenzten Welt mit endlichen Vorr�ten an nat�rlichen Ressourcen dem Wirt- schaftswachstum Grenzen gesetzt sind. Diese k�nnen zwar �ber Substituierung nicht erneuerbarer durch erneuerbare Rohstoffe und Energietr�ger, Effizienz- steigerungen bei ihrer Nutzung und Wachstum als Probleml�ser? Stetig auf Steigerungen des Bruttoinlandsprodukts zu schielen kann nicht die einzige Antwort auf die Krise sein. Autor: Robert St�ger Mitarbeiter im Bundeskanzleramt, Sektion Koordination