4 Arbeit&Wirtschaft 10/2011Historie Die Qual der Wahl E ndlich wahlberechtigt! Meine erste Wahl war die Tiroler Landtagswahl 1984. Wählen hatte etwas Feier- liches bei uns daheim, erinnere ich mich. Wir zogen uns „schön an“ und ga- ben unsere Stimme ab. Mein Vater nahm die damals bestehende Wahlpflicht ernst und ich war froh, endlich mitreden zu kön- nen, wenn es um meine Welt, meine Zu- kunft ging. Zu Hause diskutierten wir kontroversiell, aber auch sehr fair über Po- litik. Dass meine Stimme damals „nichts“ bewirkt hat, enttäuschte mich ein wenig. Recht oder Pflicht? In den folgenden Jahren waren Wahlsonn- tage für mich ein willkommener Grund aus Wien nach Hause zu fahren. Ich wähl- te vor allem gegen Haider und die FPÖ. Später, als Journalistin, waren Wahltage vor allem Großkampftage mit Live-Ein- stiegen, Hochrechnungen und Zusam- menfassungen. Da „vergaß“ ich schon mal meine Stimme abzugeben, weil der Sonn- tag schön war oder verregnet, der Abend zu lang, das mit der Wahlkarte zu kompli- ziert etc. Heute schäme ich mich ein wenig dafür, dass ich einige Male auf ein Recht verzichtet habe, für das seit Jahrhunderten Männer und Frauen kämpfen und sterben. Bis heute. Allein das verwandelt für mich das Wahlrecht in eine Wahlpflicht. Verwunderlich erscheint mir, dass trotz der in den vergangenen Jahren stetig sinkenden Wahlbeteiligung diverse Par- teien und Gruppierungen nach mehr di- rekter Demokratie schreien. Das Internet soll die Demokratie gar verflüssigen, mei- nen die Piraten, und auch Onkel Franks Team kann sich einen Wahlentscheid per Mausklick vorstellen. Mit einer Online- Umfrage will das Stronach-Institut er- kunden, wie die Demokratie 2.0 bei den WählerInnen ankommt. Da liest man von Werkzeugen für „direktere Mitarbeit und Mitbestimmung“ – und das von einem, der sich immer gegen Betriebsräte in seinen Unternehmen gewehrt hat. Da- bei beginnen Mitarbeit und Mitbestim- mung in der Schule und im Betrieb. Die viel beschworene Internet-De- mokratie mit E-Voting und Basisnähe würde allerdings einen beunruhigenden Trend nur verstärken. Immer öfter sind es die Ressourcen-Starken, die Wohlha- benden und Gebildeten, die zu den Wahlen gehen und demokratische Werk- zeuge nützen. Einkommensschwächere und bildungsfernere Schichten hingegen gehen oft nicht einmal mehr zur Wahl, frustriert haben sie resigniert und fühlen sich von „denen da oben“ verkauft. Da- ran würde auch die „liquid democracy“ nichts ändern. Wo E-Voting bisher ge- testet und eingeführt wurde, brachte es keinen nennenswerten Zuwachs in der Wahlbeteiligung. Ausgenommen alle andere... Kein Wunder in Zeiten, für die der Poli- tikwissenschafter Colin Crouch das Schlagwort von der Postdemokratie ge- prägt hat, „einem Gemeinwesen, in dem zwar nach wie vor Wahlen abgehalten wer- den [...], in dem allerdings konkurrierende Teams professioneller PR-Experten die öffentliche Debatte während der Wahl- kämpfe so stark kontrollieren, dass sie zu einem reinen Spektakel verkommt.“ Kommt Ihnen das Szenario bekannt vor? Überlassen wir unsere Demokratie, getragen vom allgemeinen, gleichen Wahlrecht, nicht dem von Crouch dia- gnostizierten stetig wachsenden „Einfluss privilegierter Eliten“, sondern kämpfen wir für ihr Überleben, indem wir sie le- ben. Geben wir dieses kostbare Gut un- seren Kindern weiter, ermuntern wir sie teilzuhaben, schon in der Schule als Klas- sensprecherInnen, im Jugendvertrauens- rat und im Betriebsrat. Unterschreiben wir für unsere Anliegen, gehen wir dafür auf die Straße und verzichten wir nicht auf unser Wahlrecht. Die Demokratie ist es wert, denn wie meinte schon Chur- chill: „Sie ist die schlechteste aller Staats- formen, ausgenommen alle anderen.“ Katharina Klee Chefredakteurin Standpunkt © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm