Arbeit&Wirtschaft 10/2012 23Schwerpunkt und uns gefragt, ob wir verrückt ge- worden sind, weil etwa die Gattin um ein Uhr Früh noch immer im Wahl- sprengel gesessen ist.“ Diese Zeiten sind Geschichte, denn bei Europawahlen wird mittlerweile ab 18 Uhr ausgezählt, bloß das Ergebnis darf nicht zu früh veröffentlicht werden. Es scheint, das Kreuzerl im Kreis ist eine simple Geschichte – doch ganz so feh- lerfrei verläuft die Stimmabgabe wohl doch nicht. Über die Gültigkeit der Stimmzettel existiert ein Erlass des Bun- desministeriums für Inneres: „In 99 Pro- zent der Fälle ist das eine relativ einfache Sache, ich mach mein Kreuzerl wohin und damit habe ich es meist angena- gelt“, meint auch Gmoser. Doch immer wieder wird das Kreuz nicht in der Mit- te gemacht und deshalb sieht der Erlass vor, dass der Wählerwille trotzdem ein- deutig ist. Komplizierte Vorzugsstimmen Doch vor allem bei den Vorzugsstimmen ist die Wahl tatsächlich nicht mehr ganz so trivial. Dezernatsleiter Gmoser: „Wenn ich bei der Wien-Wahl ,Häupl‘ in die SPÖ-Zeile schreibe, dann ist der Wäh- lerwille eigentlich klar. Wenn das aber in einem Bezirk geschieht, wo der Herr Bür- germeister nicht kandidiert, ist die Stim- me ungültig, wenn die SPÖ nicht zusätz- lich angekreuzt wird.“ Die Vorzugsstim- me ist aber ein durchaus starkes politisches Instrument. Als Josef Cap 1983 als un- bequemer Juso-Chef nur mittels seiner Vorzugsstimmen ins Parlament kam, konnte er wahrscheinlich Stimmen von jungen WählerInnen, die eigentlich die Grünen wählen wollten, für sich mobili- sieren. Ergebnis: Die Grünen kamen da- mals nicht ins Parlament. Aber auch sie kennen sich inzwischen mit dem Vor- zugsstimmen-Wahlrecht aus. Bei den letzten Gemeinderatswahlen hat Alexan- der Van der Bellen einen Vorzugsstim- menwahlkampf geführt und wurde da- durch in den Wiener Landtag gewählt. Seinen Platz im Gemeinderat hat er al- lerdings, wie bekannt, erst heuer einge- nommen. Heim, zum Wählen Missstimmungen unter den Kolleginnen und Kollegen hat Beisitzer Koppensteiner noch bei keiner Wahl erlebt: „Es gibt nur ab und an Diskussionen, wie eine be- stimmte Stimme zu zählen ist. Denn manchmal malen die Leute nur irgend- welche Kugerln hin und du kannst raten, was sie damit gemeint haben. Da haben die WählerInnen oft viel Phantasie.“ Schmunzelnd erinnert er sich an einen Stimmzettel bei der Bundespräsident- schaftswahl 1998: „Da fand sich zwar kein Kreuz, aber der Satz ‚Ich wähle wieder den eitlen Gecken‘. Die Stimme bekam, weil es doch eindeutig zuzuordnen war, Thomas Klestil.“ Mit der fliegenden Wahlkommission war Koppensteiner auch im Hospiz der Caritas am Rennweg – Momente, die er nie vergessen wird. PatientInnen im Hospiz oder in Krankenhäusern können aber nur dort wählen, wenn sie auch eine Wahlkarte beantragt haben. Manche wissen das nicht, andere werden erst nach der Beantragungsfrist stationär auf- genommen. „Da bringen wir die Men- schen schon in ihr Wahllokal im Hei- matbezirk, wenn sie es wollen. Was mich aber auch tief berührt hat, ist die Bedeu- tung des Wahlrechts für Leute, die noch ganz andere Zeiten erlebt haben.“ Semmel für den Koalitionspartner Koppensteiners Wahltag beginnt um sechs Uhr morgens in der Bezirksorgani- sation: „Da gibt es noch ein ordentliches Frühstück und dann können wir noch ein bisschen plaudern. Dann bekommt jeder seine Unterlagen ausgehändigt und geht zu seinem Wahllokal.“ Am Wahltag wird in der Bezirksor- ganisation regelrecht aufgekocht, die HelferInnen der Wiener SPÖ sind meis- tens gut mit Nahrungsmitteln versorgt. SeniorInnen bringen den BeisitzerInnen ein- bis zweimal am Tag eine Jause vor- bei – meistens Wurstsemmeln. Hung- rige Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien bekommen freilich etwas ab: „Wobei wir dem Koalitionspartner die Semmel tendenziell als erstes anbieten.“ In Wien ist das seit Kurzem ein bissel schwieriger, denn viele Grüne sind Vege tarierInnen. Internet: Mehr Infos unter: de.wikipedia.org/wiki/Wahlhelfer Schreiben Sie Ihre Meinung an die AutorInnen resei@gmx.de sophia.fielhauer@chello.at oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ M ar ku s Za hr ad ni k © Ö GB -V er la g/ M ic ha el M az oh l SeniorInnen bringen den BeisitzerInnen ein- bis zweimal am Tag eine Jause vorbei – meis- tens Wurstsemmeln. Hungrige Kolleginnen und Kollegen anderer Parteien bekommen freilich etwas ab: „Wobei wir dem Koalitionspartner die Semmel tendenziell als erstes anbieten.“