Arbeit&Wirtschaft 10/201230 Schwerpunkt S eit mehr als einem halben Jahr- hundert leben wir in einer reprä- sentativen Demokratie, und den- noch ist eine Vielzahl von Institu- tionen autokratisch geprägt. Dazu kommt, dass unser demokratisches Sys- tem durch die zunehmende Macht der multinationalen Unternehmen immer mehr unter Druck gerät. Diese können einzelne Standorte gegeneinander aus- spielen und (demokratisch legitimierte) politische Entscheidungen zu ihren Gunsten herbeiführen, denn sie verant- worten sich gegenüber keiner konkre - ten, regional verorteten menschlichen Gemeinschaft. Im Wirtschaftsleben gibt es nur we- nige Organisationen, die wirklich de- mokratisch oder konsensual geführt werden. Die typischen privatrechtlichen Unternehmensformen – wie etwa die international bedeutsamen Aktienge- sellschaften – sind in erster Linie ihren Shareholdern verpflichtet, während die ArbeitnehmerInnen als Produktionsfak- toren gelten. Demokratische Verhält- nisse erleben die Beschäftigten daher im Betrieb in der Regel nicht. Wichtige Aufgabe des Betriebsrats Umso wichtiger ist die Aufgabe des Be- triebsrates, die demokratischen Rechte der ArbeitnehmerInnen am Arbeitsplatz zu sichern. Die Arbeit des Betriebsrates hat allerdings eine demokratische Basis, und genau das hebt eine Initiative der GPA-djp als besondere Stärke hervor. Der Betriebsrat kann eine Keimzelle für mehr Demokratie im Betrieb werden, wenn die Demokratie wirklich gelebt wird. Da- von geht die Initiative aus, die im Beirat für Arbeit und Technik entstanden ist, einem GPA-djp-Gremium, das sich mit neuen Entwicklungen in der Arbeitswelt auseinandersetzt. Vision: Demokratiewerkstatt „Durch das eigene demokratische Han- deln übernehmen Betriebsrätinnen und Betriebsräte eine Vorbildrolle als ‚Demo- kratInnen im Betrieb‘ und vermeiden, sich gegenseitig in Machtspielen oder Fraktionskämpfen aufzureiben. Die de- mokratische Gestaltung der Arbeit wird zu einem wichtigen Anliegen des Be- triebsrates, das unter demokratischer Einbeziehung möglichst vieler Mitarbei- terInnen umgesetzt wird. Dabei werden MitarbeiterInnen zu ‚Mit-Betriebsrätin- nen und -räten‘ und fördern eine demo- kratische Unternehmenskultur, in der offene Meinungsäußerung und Zivilcou- rage im Mittelpunkt stehen. Der Be- triebsrat wird so zu einer demokratischen Keimzelle im Betrieb und versucht, die gesamte Organisation zu demokratisie- ren“ (Vision, in: Skript Der Betriebsrat als demokratische Keimzelle, GPA-djp, 2012). Folgende Aktivitäten dienen dazu, dieser Vision näher zu kommen: In einer Arbeitsgruppe von GPA- djp-Betriebsrätinnen und -Betriebsrä- ten wurde eine Checkliste erarbeitet, die dabei unterstützt, die eigene Ar- beitsweise im Hinblick auf die Qualität des eigenen demokratischen Handelns zu evaluieren. Dabei geht es in einem ersten Schritt darum, zu überprüfen, inwieweit der rechtliche Rahmen, den das Arbeitsverfassungsgesetz bietet, für eine demokratische Betriebsratsarbeit genutzt wird. Die Fragen beziehen sich auf die Betriebsratswahl, die Betriebs- versammlung, die Kommunikation mit und Beteiligung der Belegschaft und die Arbeit mit dem Betriebsrat. Aufbauend auf dieser Standortbestimmung kann dann gezielt an der Demokratisierung der Betriebsratsarbeit weitergearbeitet werden. Hinter der Initiative steht die Über- zeugung, dass es eine Kraft in der De- mokratie gibt, wenn sich die Betrof- fenen wirklich einbringen und mitent- scheiden können. Diese Kraft sprengt jede Hierarchie und ist leider oftmals chaotisch, unberechenbar und eine Be- drohung für Gewohnheitstiere und die derzeitigen MachthaberInnen. Damit die Kraft der Demokratie wirksam werden kann, braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen di- rekter und repräsentativer Demokra - tie. Eine ausschließlich repräsentative Demokratie ohne direktdemokratische Ins trumente konzentriert die Macht in den Händen Weniger, was die Wahr- scheinlichkeit von Korruption und Lobbyismus erhöht. Werkzeuge und Ideen Wie das konkret in der Betriebsratsarbeit aussehen kann, ist neuerdings Gegen- stand des Seminars „Der Betriebsrat als demokratische Keimzelle“. Die Ange- Keimzelle betrieblicher Demokratie Eine Initiative der Gewerkschaft GPA-djp hebt die besonderen Stärken von Betriebsratskörperschaften hervor. Autorin: Eva Angerler Mitarbeiterin der Abteilung Arbeit und Technik der GPA-djp