Arbeit&Wirtschaft 11/201218 Schwerpunkt Wo die Millionen wohnen … Steuerflucht und Steuerhinterziehung sind für viele Superreiche nach wie vor ein Kavaliersdelikt. Mehr als 70 Steueroasen weltweit profitieren davon. G ründen Sie Ihre Offshore Firma noch heute … um nur 690 Euro“, werben Websites von Offshore- Anbietern. Anonymität, Büroser- vice und Bankkonto werden in allen re- nommierten Zentren zur Verfügung ge- stellt – „einfach, bequem, online“. Sichere Gesetzgebung sorgt dafür, dass keine Ge- schäftsinformationen ausforschbar sind, es gibt keine Besteuerung und daher kei- ne Buchführungs- und Belegaufbewah- rungspflichten, laut Anzeige der Website von Coldwell (tinyurl.com/ankke7f). 70 Steueroasen In den vergangenen Jahrzehnten stieg die Anzahl der Steueroasen sprunghaft an und das Tax Justice Network (TJN) nennt bereits über 70 solcher Staaten. Die Viel- zahl der beteiligten Firmen, Hedgefonds, Banken, Lizenzen oder Stiftungen und ihre enorm hohen Vermögenswerte be- weisen weiters, dass die Konstruktionen keineswegs Ausnahmeerscheinungen darstellen. Daraus konnte sich ein paral- leles System zugunsten von Eliten entwi- ckeln – mit weitreichenden negativen Effekten.1 Die entstandenen Parallelöko- nomien in den Steueroasen können aller- dings ohne bedeutende Finanzplätze wie London, Frankfurt, Zürich oder New York nicht funktionieren. Banken, Treu- händer und Unternehmen errichten in Steueroasen Stiftungen bzw. Trusts, die Vermögensverwaltung erfolgt aber in den dazugehörigen Ländern. Privatbanken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften unterstützen die Kapitalflucht. Auch hier besteht eine starke Konzentration von Vermögenswerten bei den zehn größten Banken, die mehr als die Hälfte der Ver- mögenswerte der besten 50 Banken auf sich vereinen. Die Top Drei sind UBS, Credit Suisse und Goldman Sachs. Auch Privatpersonen (die sogenann- ten HNWIs, High Net Worth Individuals) nutzen für ihr Privatvermögen diese Sys- teme zur Steuerflucht. Aktuelle Schät- zungen2 gehen von einem unversteu- erten Finanzvermögen von mindes tens 26.230 Mrd. Euro aus. Eine Gegen- überstellung der Daten von 2005 und 2010 zeigt einen Anstieg von knapp zehn Prozent. Unter der Annahme einer moderaten Rendite von drei Prozent und einem Einkommenssteuersatz von 30 Prozent ergibt sich ein Steuerausfall von bis zu 230 Mrd. Euro. Obwohl ge- naue Daten fehlen, sind die Ergebnisse konsistent mit anderen Studien.3 Innerhalb von Konzernen ist der Einsatz von Transferpreisen ein attrak- tives Instrumentarium. In Niedrigsteu- erländern ansässigen Konzerntöchtern werden überhöhte Preise für deren Gü- ter und Dienstleistungen bezahlt und umgekehrt. Dadurch werden Gewinne buchhalterisch in das Land mit nied- rigen Steuern und Verluste in jenes mit hohen Steuern verschoben. Fehlende Offenlegungspflichten in den Unter- nehmensbilanzen erleichtern Gewinn- verlagerungen. Folglich sind auch keine Daten hinsichtlich des Ausmaßes vor- handen. Dass die Steuerausfälle be- trächtlich sind, zeigen Schätzungen der OECD und anderer Expertinnen und Experten. Demnach werden bis über 70 Prozent des Welthandels innerhalb von Unternehmensgruppen getätigt. Nach einer Befragung von Ernst&Young le- gen von den befragten 850 Unterneh- men 77 Prozent ein Hauptaugenmerk auf Transferpreise. Cayman Islands: 732 Unternehmen Die Relation zwischen der EinwohnerIn- nenzahl und der Anzahl von Unterneh- men in einem Land gibt Hinweise auf Briefkastenfirmen. Auf den britischen Virgin Islands kommen auf einen Ein- wohner bzw. eine Einwohnerin 34 Un- ternehmen. Laut dem US-amerikani- schen Rechnungshof befinden sich auf den Cayman Islands 732 börsennotierte Unternehmen. Weiters schätzt der Rech- nungshof, dass 83 der 100 größten Un- ternehmen Töchter in Steueroasen ha- ben. Eine Analyse von 95 Prozent der börsennotierten britischen, niederländi- schen und französischen Unternehmen ergibt, dass 99 Prozent derselben, allen voran jene aus der Bankenbranche, ver- stärkt in Steueroasen operieren.4 Im Zuge der Insolvenz des Energiekonzerns Enron wurde bekannt, dass 881 Töchter in Steueroasen ansässig sind. Auch der sogenannte Umsatzsteuer-Karussell betrug hat in den vergangenen Jahren stark zu- genommen und eine beachtliche Kom- plexität erreicht. Für das Karussell ist le- diglich der Aufbau einer grenzüberschrei- Autorin: Gertraud Lunzer Leitung Abteilung Steuerrecht in der AK Wien 1 Ötsch: Die Normalität der Ausnahme: Finanzoasen als Parallel- ökonomie von Eliten und die ausbleibende Regulierung, 2012. 2 Henry: The Price of Offshore Revisited, 2012. 3 Scorpio 2005; Piketty und Zucman 2012 oder Atkinson und Saez 2011. 4 Christensen: The Spectre of Tax Havens. Secrecy, global crisis and poverty, 2009.