Arbeit&Wirtschaft 1/2013 17Schwerpunkt Jahre 2010. Deren Ergebnis: Menschen aus höheren sozialen Schichten zeigen weniger Mitgefühl. Dies wurde in meh- reren Experimenten herausgefunden. Beim größten nahmen 200 Angestellte einer öffentlichen Universität teil, die eine Hälfte mit Hochschulabschluss und die andere ohne. Ihnen wurden 20 verschiedene Fotos vorgelegt. Auf diesen waren Menschen abgebildet, die lachten, verärgert, verwundert, schockiert oder voller Angst waren. Die Aufgabe der TeilnehmerInnen bestand darin, die Gesichtsausdrücke genau einzuschätzen und zu benennen. Die Gruppe ohne Hochschulabschluss er- reichte dabei eine höhere Trefferquote, sie war also empathischer. Die Wissenschaftler erklären dieses Ergebnis damit, dass Menschen aus un- teren sozialen Schichten abhängiger von ihren Mitmenschen sind als reichere. Sie haben weniger Geld und Macht und sind daher verstärkt auf das soziale Umfeld angewiesen. Um dieses besser nützen zu können, müssen sie sich stär- ker an ihren Mitmenschen orientieren und schärfen dadurch offenbar ihre Empathiefähigkeit. Steigende soziale Ungleichheit Einen breiter gefächterten Ansatz bietet der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit seiner Theorie der „rohen Bürgerlichkeit“. Er zeigt auf, dass es ge- sellschaftliche bzw. politische Entwick- lungen wie die steigende soziale Un- gleichheit gibt, die die Einstellungen und damit den Charakter der oberen Schich- ten negativ beeinflussen. Glatte Fassade, rabiate Rhetorik Der Sozialwissenschaftler und sein Team untersuchten Einstellungen der Bevölke- rung in Deutschland gegenüber Men- schen, die in der Gesellschaft Vorurteilen ausgesetzt sind – aufgrund von eth- nischen, kulturellen oder religiösen Merkmalen, der sexuellen Orientierung, des Geschlechts, einer körperlichen Ein- schränkung oder aus sozialen Gründen. Die Forschungen wurden jährlich im Zeitraum von 2002 bis 2011 durchge- führt und veröffentlicht. In diesem Zeit- raum stieg die soziale Ungleichheit stetig an, zuletzt verschärft durch die Wirt- schaftskrise. Für unser Thema ist besonders inte- ressant, was Heitmayer über die Einstel- lungen der Besserverdienenden heraus- filtert. Er weist nach, dass ausgerechnet diejenigen, die sich selbst zum oberen Teil der Gesellschaft zugehörig fühlen, die soziale Spaltung in der Gesellschaft weniger wahrnehmen. Im Gegenteil: Sie beklagen zunehmend, dass sie nicht in einem gerechten Maße vom allgemei- nen Wachstum profitieren würden. In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Göttinger Friedens- preises 20123 formulierte er es so: „Die geringere Wahrnehmung der sozialen Spaltung durch die oberen Einkom- mensgruppen hat viele Folgen. [...] We- niger Unterstützung wird vor allem in der höheren Einkommensgruppe gegen- über Langzeitarbeitslosen und Hartz- IV-Empfängern gefordert. [...] Sie sollten entgegen dem Grundgedanken einer Solidargemeinschaft endlich Selbstverantwortung übernehmen. [...] Und so gibt es eindeutige Zusammen- hänge zwischen der Forderung an die sozial Schwachen, ihre kritische Lebens- situation selbst zu bewältigen, und der Abwertung von Langzeitarbeitslosen, niedrig qualifizierten Zuwanderern, Obdachlosen und Behinderten. In Gruppen mit höheren Einkommen wird immer stärker abgewertet.“ Diese Ein- stellungen werden verdeckt kommuni- ziert, haben aber großen öffentlichen Einfluss. Heitmeyer verwendet dafür den Begriff „rohe Bürgerlichkeit“. Sie „ergibt sich aus dem Zusammenspiel von glatter Stilfassade, vornehm rabiater Rhetorik sowie autoritären aggressiven Einstellungen und Haltungen“. Damit gelingt Heitmeyer eine ver- blüffend passende wissenschaftliche Er- klärung für die Erlebnisse der verklei- deten Obdachlosen im Nobelort Taunus bei Frankfurt. Geld verdirbt den Charakter, vor allem wenn es in einer Gesellschaft un- gleich verteilt ist. Internet: Heitmayer-Rede zum Göttinger Friedenspreis: tinyurl.com/b2utl2c Schreiben Sie Ihre Meinung an den Autor christian.zickbauer@gmail.com oder die Redaktion aw@oegb.at © Ö GB -V er la g/ Pa ul S tu rm 3 Alle folgenden Zitate aus Wilhelm Heitmeyer: Redetext anlässlich der Verleihung des Göttinger Friedenspreises am 10. März 2012, tinyurl.com/b2utl2c Die Auswertungen ergaben, dass diejenigen Probanden, die einer höheren Schicht ange- hörten, mehr Bonbons genommen hatten als solche einer unteren Schicht.