Arbeit&Wirtschaft 1/201330 Schwerpunkt Ein Salzstangerl am Tag Armut in Österreich sieht man erst auf den zweiten oder dritten Blick. Und so vergisst man, dass eine Million Menschen hierzulande armutsgefährdet ist. S penden Sie für Afrika, dort sind die Menschen ärmer. In Österreich geht es den Menschen eh gut. Das Land ist schließlich eines der reichsten der Welt, nach BIP im Jahr 2012 zum Beispiel das zwölftreichste. Da müs- sen Sie doch bitteschön genug zum Leben haben und können ein wenig davon ab- geben. Wie, nein? Sie haben kein Geld übrig? Was machen Sie bloß falsch? So oder so ähnlich geht es Menschen hierzulande, wenn sie arm sind. Viele können nicht glauben, dass jemand in Österreich zu wenig Geld zum Leben und Überleben hat. Doch die Armut ist mitten unter uns. Mangel an Teilhabechancen Verena Fabris, Sozialexpertin der Volks- hilfe: „Armut ist oft nicht sichtbar. Men- schen, die auf der Straße betteln oder auf Parkbänken schlafen, sind nur die Spitze des Eisbergs.“ Schließlich heiße arm zu sein mehr als kein Geld zu haben. Arm zu sein bedeutet, in schlechteren Woh- nungen zu wohnen, schlechtere Bildungs- chancen zu haben, öfter krank zu sein, früher zu sterben. Arm zu sein bedeutet in einer reichen Gesellschaft einen Man- gel an Teilhabechancen: FreundInnen nicht nach Hause einladen zu können, nicht auf Urlaub fahren zu können, nicht am kulturellen Leben teilnehmen zu kön- nen. Rund eine Million Menschen sind in Österreich armutsgefährdet. Von manifester Armut spricht die Statistik, wenn geringes Einkommen mit Einschränkungen in zentralen Le- bensbereichen verbunden ist. Die Ein- kommensarmutsgrenze wird mit jeweils 60 Prozent des mittleren Pro-Kopf- Haushaltseinkommens definiert, das sind in Österreich derzeit (Stand 2012: EU-SILC 2010) 1.031 Euro für einen Einpersonenhaushalt. In Wien betrifft dies 304.000 Personen oder 18,2 Pro- zent. Der Nachbar geht morgens aus dem Haus, arbeitet, ist abends müde – und am Ende des Monats reicht sein Geld trotzdem nicht für Miete, Essen und Heizung. Seine Armut ist nicht von außen erkennbar. Die Freundin will mit ihrem Kind lieber zu Hause bleiben statt ins Café zu gehen. Dass sie sich den Caff? Latte in einem Lokal nicht leisten kann, bleibt außen vor. Armut wird ver- steckt. Job verloren, Arbeitslosengeld – passt, meinen viele, die noch nie in der Situation waren. Dass die staatliche Un- terstützung bei steigenden Mieten nicht reicht, wer weiß das schon? Arm kann auch sein, wer zuvor einen guten Job hatte. Die heutigen Armen malen keine Kunstwerke aufs Straßenpflaster. Das Betteln wird heute oft mit „Banden“ aus osteuropäischen Ländern gleichgesetzt. Arm sind – angeblich – Leute anderswo. Flohmarkt statt Boutique Prekäre JobberInnen sind auf den ersten Blick korrekt gekleidet. Hackler in Fein- ripp und Mundl-Typen sind eher passé. Die Kleidung stammt aus einem Billig- laden oder von Flohmärkten. Sie wird getragen, bis sie nicht mehr tragbar ist. Wer genauer hinschaut, sieht trotzdem: der Mantel ist abgewetzt, der Pulli immer derselbe. Das Brillengestell wackelt, kann aber nicht ersetzt werden. Das Handy ist alt, geht es kaputt, geht sich kein neues aus. Gerade ein Jugendlicher ist so schnell „out“. Beispiel verdeckte Obdachlosig- keit: jemand verliert seine Wohnung, lan- det aber nicht auf der Straße, sondern schlüpft bei Verwandten oder Bekannten unter – und zählt nicht zur Statistik. Für die Statistik Austria heißt akute Armut: Beengende, dunkle, feuchte Wohnverhältnisse, nicht ausreichend geheizte Wohnungen. Unerwartete Aus- gaben wie für die Reparatur eines ka- putten Kühlschranks, Nachzahlungen durch steigende Energiepreise können nicht geleistet werden. Es kommt zu Rückstand bei Zahlungen. Gesund- heitsausgaben wie Arztrechnungen, Pflegekosten sind zu teuer. Man ist iso- liert, da kein Geld für Freizeitaktivi- täten, Mitgliedsbeiträge von Vereinen oder Urlaub vorhanden ist, und hat ei- nen schlechteren Zugang zu Bildung. Armutsrisiko Besonders leicht ereilt die Armut er- werbslose Menschen, alleinerziehende El- ternteile oder Zugewanderte. Auch wer einen schlecht bezahlten und unsicheren Job hat, ist besonders armutsgefährdet. Das Risiko, durch soziale Netze zu fallen, ist gestiegen, so die Armutskonferenz: Immer breitere Bevölkerungsschichten leben in instabilen und unsicheren Ver- hältnissen. Frauen sind stärker von Ar- mut betroffen. Ein Viertel aller Armen sind Kinder, Jugendliche oder von ihren Eltern abhängige unter 26-Jährige. Es gibt in Österreich Kinder, die hungern. Autorin: Anni Bürkl Freie Journalistin